Nanine Linning und ihre emotionale Tanzsprache

Am Konzert Theater Bern eröffnete die neue Tanzsaison mit der Schweizer Premiere von «Zero». Choreografiert hat es die Holländerin Nanine Linning: Die 36-Jährige lebt intensiv, ist ambitioniert – und erfolgreich. Ein Kurzporträt.

Auf die Frage, wie Nanine Linning zum Tanz gekommen ist, antwortet sie umstandslos: «Ich kenne nichts Besseres als Tanzen.» Und dabei strahlt sie mit ihren offenen blauen Augen. Seit sie auf den Beinen stehen kann, tanzt sie. Mit zwölf Jahren ging es bereits um die Entscheidung, ob sie eine klassische Tanzausbildung am Konservatorium beginnen sollte. Doch Linning merkte bald, dass Ballett nicht ihre Sache war. «Ich wollte nicht Bewegungen wiederholen, sondern selber etwas kreieren.»

Der starke Wunsch, Eigenes zu kreieren

Sie war ein selbstbewusster Teenager mit sehr eigenen Vorstellungen und wohl nicht immer pflegeleicht für ihre Lehrer. Als sie etwas später während einer Tanzaufführung entdeckte, dass nicht die Tänzer selber das Stück kreiert hatten (wie sie immer geglaubt hatte), sondern dass es da die Figur eines Choreografen gab, war es klar: Sie schrieb sich an der Tanzakademie Rotterdam im Fach Choreografie ein. 1998 schloss sie die Ausbildung mit dem Diplom ab.

Künstlerin und Unternehmerin

Seither ist alles sehr schnell gegangen. Linning mit ihren 36 Jahren lebt intensiv und zielgerichtet. Und sie hat Erfolg. Nach fünf Jahren als Haus-Choreografin am Scapino Ballett hat sie 2009 ihre eigene Dance Company Nanine Linning gegründet. Inzwischen hat die freie Gruppe am Theater Heidelberg ein festes Domizil mit einer soliden Infrastruktur gefunden.

Doch die künstlerischen Ambitionen der Holländerin gehen weit über die Möglichkeiten eines Stadttheater-Betriebs hinaus, und da sind kreative Lösungen auf allen Ebenen gefragt. Anders wie viele ihrer Kollegen, die all die organisatorisch-administrativen Aufgaben als Last empfinden, mag Linning die Rolle einer Tanzunternehmerin. Ihrer Meinung nach kann es sich ein Künstler im 21. Jahrhundert nicht mehr leisten, Verkauf und Kommunikation ausser Acht zu lassen. Schliesslich braucht es Geld, um choreografische Träume zu erfüllen.

Linning ist eine vielseitige Künstlerin und oft auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig tätig. Vor zwei Jahren hat die Choreografin ihr Operndebüt mit «Madame Butterfly» am Theater Osnabrück gegeben. Wie schafft sie das riesige Arbeitspensum überhaupt? «Mein grösstes Talent ist es», so sagt sie, «ein Team zu bilden und die Verantwortung zu teilen.»

Neue Bilder auf die Bühne bringen

Das Stück «Zero» ist vor dem Hintergrund apokalyptischer Meldungen von globaler Erwärmung, Wasserverschmutzung, Öl- sowie Finanzkrise entstanden. «Die Zeit läuft ab», meint Linning dazu, um gleich anzufügen, dass jedes Ende etwas Neues impliziere. Sie hat das Stück zusammen mit ihrer Dance Company Anfang dieses Jahres in Heidelberg zur Uraufführung gebracht. Die choreografische Sprache ist dynamisch und von grosser Emotionalität. Denn Tanz, sagt Linning, funktioniere in erster Linie auf der Gefühlsebene. Es gehe nicht um «Verstehen».

Am liebsten entwickelt sie ihre Themen mit kreativen Geistern aus theaterfernen Disziplinen, mit bildenden Künstlerinnen oder mit Modedesignern wie der Holländerin Iris van Herpen, die auch für «Zero» die Kostüme entworfen hat. «Ich liebe es, auf der Bühne Neues zu erfinden», erklärt Linning, «und Iris ist eine von denen, die richtig gut darin ist.»