Nicht totzukriegen, der himmlische «Schwanensee» – warum nur?

«Schwanensee» ist jenes Stück Weltballett, das auch die Laien kennen. Es gehört zum Standardrepertoire jeder Tanzkompagnie. Aktuell zeigt das Opernhaus Zürich den Klassiker von Tschaikowsky in der Originalversion. Warum schafft es «Schwanensee» immer und immer wieder auf die Bühne? Fünf Gründe.

Verschwommenes Bild einer Tänzerin in Bewegung.

Bildlegende: «Schwanensee» verlangt einer Tänzerin alles ab (Im Bild: Nationalballett China, 2008). Reuters

«Schwanensee», kennt jeder. 1877 erstmals aufgeführt, hat das Stück bis heute nichts an Zauber eingebüsst – jenes Märchen, in dem eine Prinzessin in einem Schwanenkörper gefangen ist und seine menschliche Gestalt und Freiheit nur durch die bedingungslose Treue des Geliebten wiedererlangen kann. Ein Kampf gegen das Böse, das Böse verliert, dennoch gibt es kein Happy End. Ein Versuch, der Magie dieses fast 140-jährigen Balletts zu ergründen.

    • 1.
      Leben und Tod – alles oder nichts
      «Schwanensee» ist kein Sonntagszvieri. Das Stück behandelt elementare Themen: Liebe und Sehnsucht, Einsamkeit und Eifersucht, Wut, Schmerz und Glück. Die grossen Lebensthemen eben, die an uns rütteln, uns erschüttern oder beflügeln. Wer hat nicht schon mal aus tiefstem Herzen geliebt oder sich sehnlichst Vergebung gewünscht? «Schwanensee» trifft dahin, wo es weht tut oder am Schönsten ist: mitten ins Herz.
      Eine Frau liegt auf dem Rücken, die Arme zur Seite ausgestreckt, den Brustkorb erhoben.

      Bildlegende: «Schwanensee» heisst: Leben und Sterben (Bild: Malta Arts Festival, 2011). Reuters

    • 2.
      Musik der Superlative
      Hochkomplex! Unvergleichlich! Extrem gut komponiert! Tanzjournalistin Maya Künzler hat für Peter Iljitsch Tschaikowsky Musik zu «Schwanensee» nur Superlative übrig. Es sei eine der ersten ausschliesslich fürs Ballett komponierte Musik.
      Ein Dirigent von hinten fotografiert, auf der Bühen Belletttänzerinnen.

      Bildlegende: Pjotr Iljitsch Tschaikowski komponierte die Musik zu «Schwanensee» im Auftrag des Kaiserlichen Theaters Moskau. Reuters

    • 3.
      Schwarz versus Weiss
      Das Ballett ist geprägt von Dualität – und die fasziniert. Da ist der weisse Schwan Odette: ernst, sanft, rein und gutherzig; dort ist der böse Schwan Odilie: böse, abgründig, kraftvoll und sexy. Wer hat sich nicht schon mal gefragt, welcher Schwan er wohl sein möge – Gut oder Böse? Die Hauptrolle verkörpert, was in jedem Menschen steckt.
      Ein Tanzpaar: Sie hat das Bein nach hinten ausgestreckt und leht sich an ihn.

      Bildlegende: Schwarz und Weiss, Gut und Böse – «Schwanensee» ist geprägt von Gegensätzen (Bild: Nationaltheater Split, 2010). Reuters

    • 4.
      Die Schwanenkönigin: Horror in Spitzenschuhen
      Wer den US-amerikanischen Psychothriller «Black Swan» mit Natalie Portman als Primaballerina gesehen hat, muss annehmen: Jede Ballettänzerin, die die schizophrene Doppelrolle des weissen und des schwarzen Schwans innehat, durchlebt den puren Horror. Die Realität sieht hoffentlich anders aus: ohne Tänzerinnen, die unter Verfolgungswahn leiden oder sich die Nägel blutig kauen. Dennoch: «Der Part der Schwanenkönigin ist technisch und schauspielerisch extrem schwierig zu bewältigen», sagt Tanzjournalistin Maya Künzler – «eine der anspruchsvollsten und anstrengendsten Rollen des klassischen Balletts überhaupt». Genau das macht ihre Faszination aus.
      Die Füsse einer Ballerina in Spitzenschuhen.

      Bildlegende: Die Doppelrolle des weissen und schwarzen Schwans verlangt einer Tänzerin alles ab (Bild: Staatsballett Georgien, 2011). Reuters

    • 5.
      Es war einmal ein junger Prinz ...
      «Schwanensee» ist ein typischer Märchenstoff: Eine unglücklich verzauberte Prinzessin, die durch die Liebe des Prinzen erlöst wird. Innere Bilder und eigene Gefühle werden geweckt – wer sich darauf einlässt, für den kann die Erzählung zu einem richtigen Erlebnis werden. «‹Schwanensee› ist – ähnlich wie Musicals – bei einem so breiten Publikum beliebt, weil das Stück in eine andere Welt entführt», sagt Maya Künzler.
      Ein Tänzer knieht und jhält eine Tänzerin an der Taille fest, das Paar küsst sich.

      Bildlegende: Motiv aus dem Märchen: Ein Prinz verliebt sich in eine verwunschene Prinzession (Bild: Nationalballett Kiew, 2014). Reuters

Sendung: Radio SRF 1, Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 5.2.2016, 17.30 Uhr.