Schauspieler sind Avatare, Zuschauer sind Spieler

Computerspiele haben das schlechte Image von einst abgelegt: Kaum noch jemand glaubt, dass sie einsam, realitätsfremd ja sogar gewaltbereit machen. Im Gegenteil: Games sind zu einem neuen Leitmedium geworden, experimentelle Theaterschaffende machen daraus sogar ein neues Theatergenre.

Das Theaterkollektiv machina eX.

Bildlegende: Gebt ihnen eine Anweisung: das Theaterkollektiv machina eX. Robin Junicke

Das Projekt «15.000 Gray» ist bereits ein Klassiker des neuen Trends: Das Publikum betritt dabei einen Theaterraum. Ein bewusstloser Professor liegt auf dem Boden mit einer Bombe um den Bauch. Der Timecode läuft rückwärts.

Die Zuschauer haben genau eine halbe Stunde Zeit, den Professor zu retten und zu verhindern, dass seine Erfindung in falsche Hände gerät. Dafür müssen sie Rätsel lösen: Rätsel, die ihnen die Performer – die als Avatare auftreten – auferlegen. Rätsel auch, wie man sie aus Point’n‘Click-Computerspielen wie «Monkey Island» kennt.

Mitspielen ist Pflicht

Das schweizerisch-deutsche Theaterkollektiv machina eX hat sich einen Namen damit gemacht, dass es auf der Folie von Computergames Theaterspiele gestaltet, die die Zuschauer zu Mitspielern macht. Immer wieder verfallen dabei die Performer in einen Leerlauf und wiederholen denselben Satz, bis das Publikum herausgefunden hat, wie es die Handlung vorwärtsbringen kann. Indem es den richtigen Pin eingibt, die richtigen Daten auf eine CD lädt und die Bombe entschärft.

Der Performer Yves Regenass spielt in «15.000 Gray» den Professor, er sagt: «Wir versuchen, für die Spieler, wie wir unser Publikum nennen, intensive Erlebnisse zu gestalten. Dabei werden sie in eine Art Computerraum versetzt, in dem es keine Tastatur und keinen Bildschirm mehr gibt. Diese Funktionen übernehmen der Theaterraum und die Gerätschaften und Objekte darin.»

Zockerlust und Spielregeln

Das neuste Game-Theater, das machina eX entwickelt hat, wird die Gruppe Anfang November in Zürich zeigen. Es heisst «Hedge Knights» und führt in die Finanzwelt, ja verspricht sogar die Finanzkrise erlebbar zu machen. Dabei werden auch moralische Fragen integriert. Denn nicht mehr lediglich das Ende ist offen (explodiert die Bombe oder nicht?). Das Publikum muss nicht nur Rätsel lösen, sondern Entscheidungen treffen – und übernimmt damit Verantwortung für den Verlauf des Spiels.

«Hedge Knigths» wird im Rahmen des Festivals «Play» in der Gessnerallee Zürich gezeigt. Dort werden Vertreter des neuen Theatergenres ihre Varianten von theateralen Games auf der Bühne zeigen und das Publikum zum Mitspielen einladen.

Soziale Spiele: Partizipation!

Die Dramaturgin Kathrin Veser hat beobachtet, dass Computergames in den letzten Jahren zu einer interessanten Tendenz im freien Theater geworden sind: «Einige Gruppen benutzen die Ästhetik von Computerspielen, andere übernehmen Spielstrategien und versuchen diese im Theaterraum oder im Stadtraum umzusetzen.» Neben dem Festival findet denn auch eine internationale Tagung statt, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste ZHdK die Stadt als Spielfeld und -folie bespricht.

Dabei könne man auch das Potential von Computerspielen im gemeinschaftlichen Spiel beziehungsweise der Partizipation neu kennenlernen. Lange habe man ausser Acht gelassen, dass viele Computerspiele immer schon eine kooperative Angelegenheit waren, meint Kathrin Veser und bringt den Trend auf den Punkt: «Der Nerd ist der neue Hipster.»

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