«Situation Rooms»: Durch die Puppenstube des Grauens

In ihrer Produktion «Situation Rooms» führt die Gruppe Rimini Protokoll die Theaterbesucher in einen begehbaren Parcours der Kriegsvernetzung. Zurzeit ist die Theater-Installation in Zürich im Schiffbau zu sehen.

eine Frau mit Kopfhöhrern steht in einem Schiesstand. in der Hand hält sie Mit beiden Händen ein Tablet, das ebenfalls den Blick auf einen Schiesstand zeigt mit zwei Händen, die eine Pistole halten.

Bildlegende: «Situation Rooms» ist ein begehbarer Parcours durch die Geschichten kriegsversehrter Menschen. Jörg Baumann / Ruhrtriennale

Unmittelbarkeit, die ganz direkte Auseinandersetzung: Das ist für die Gruppe Rimini Protokoll das höchste der Theatergefühle. In ihrem jüngsten Dokumentartheater greifen sie deshalb auf ein eher altmodisches Setting zurück – die hyperrealistische Illusionsästhetik von Film und Fernsehen.

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Das wahre Leben auf der Bühne

2:24 min, aus Tagesschau vom 19.6.2014

Parcours durch Kriegsräume

Bühnenbildner Dominic Huber hat eine begehbare Raumflucht aufgebaut, von der russischen Wohnküche geht es zur Dachterrasse, wo sich Drohnen beobachten lassen; über die Treppe hinunter, durch den Flur mit der Waffenschmiede zum Friedhof.

Die «Situation Rooms» von Rimini Protokoll sind verwinkelt, ein regelrechtes Labyrinth, und in der Mitte von allem, wie eine Spinne im Netz, liegt ein Konferenzraum. Er ist jenem «Situation Room» im Weissen Haus in Washington nachempfunden, in dem die globalen Kriegsfäden zusammenlaufen.

Geschichten von Kriegsversehrten

Das Labyrinth führt Geschichten zusammen: vom neunjährigen Knaben aus Zaïre, der geschnappt und zum Kindersoldaten gemacht wird, vom deutschen Médecin sans frontières, den die erlebten Gräuel im Schlaf verfolgen – «so dass ich nachts öfters aufstehen musste, um mich davon zu überzeugen, dass meine Kinder noch ihre Hände hatten».

Kriegsversehrte sind sie alle, die Experten der Waffengänge. Der Offizier wie der Friedensaktivist, der liebeshungrige junge Israeli wie der abgebrühte indische Drohnenlenker, die russische Köchin, der Hacker, der Anwalt, der Bootsflüchtling, der Drogenkrieger. Auch Schweizer sind dabei: «Früher habe ich Waschmaschinenteile produziert; heute machen wir High-Tech-Waffenteile.»

Ein Mann und eine Frau in einem Operationssaal, beide mit Kopfhörern und tablets. Er liegt auf der Liege, sie steht daneben.

Bildlegende: In «Situation Rooms» werden Zuschauer zu Mitspielern. Jörg Baumann / Ruhrtriennale

Der Zuschauer wird zum Mitspieler

Die Erzählungen verflechten sich im Raum zum Netz. iPad und Kopfhörer führen den Besucher durch die detailversessen eingerichtete Installation. Er muss sich zum Mitspieler machen, begibt sich in die Erzählung, in die Person eines Akteurs – für knapp zehn Minuten, dann wechselt die Perspektive.

Der Besucher verliert sich dann auch, im Geflecht der Stimmen und Positionen, in der fortwährenden Überschreibung und Neudefinition. Mit der Zeit erkennt er Muster, Spielanlagen, aber eben auch die Undurchdringlichkeit einer den Globus umspannenden Vernetzung.

«Situation Rooms»

Das «Multyplayer-Video-Stück» von Rimini Protokoll ist noch bis zum 29. Juni drei Mal täglich im Schiffbau des Schauspielhaus Zürich zu sehen.

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