Journalismus im Wandel Traumberuf Kritikerin? Nein, danke.

Die Zeiten der fest angestellten Tanzkritikerin sind vorbei. Heute liefern die Texte meistens «Freie» – wenn überhaupt. Die Kulturinstitutionen sorgen sich um den Nachwuchs.

Junge Leute für die Tanzkunst und die Kritik zu begeistern ist wichtig – gerade für Kulturhäuser und Künstlerinnen. Ein umfänglicher Pressespiegel ist hilfreich, etwa um Fördergelder zu beantragen.

Das Handwerk lernen

Weil die Medien aber der Tanzkritik zu wenig Beachtung schenken, kümmern sich die Kulturschaffenden selbst um den Nachwuchs – wie die Zeitgenössischen Schweizer Tanztage, die Anfang Februar in Genf stattfanden.

Dort haben sich nicht nur Veranstalterinnen und Künstler eingefunden, sondern auch junge Tanzinteressierte. Im Seminar «Schreiben über Tanz» lernten die Teilnehmerinnen das Handwerk und gewannen einen Einblick in das Leben der Kritikerin.

Juliette Uzor, 24, Tänzerin und Studentin

Porträt Juliette Uzor

Bildlegende: Juliette Uzor. SRF/Nelly Rodriguez

1. Braucht es Kritikerinnen?

Ja, um in einen Dialog zu treten und der Kunst einen Sinn zu geben. Es geht für mich weniger um die Kritik in einem wertenden Sinne, sondern um eine Diskussion.

2. Was muss man als Kritikerin können?

Als Kritikerin muss man genau hinschauen können. Man muss sich voll auf das Dargebotene einlassen, dem eigenen Blick vertrauen, der eigenen Erfahrung, wie auch den eigenen Assoziationen. Es müssen Interesse und Offenheit für die Kunst da sein.

3. Traumberuf: Kritikerin?

Ich sehe mich selbst als Künstlerin, als Tänzerin. Gleichzeitig als Kritikerin zu arbeiten könnte etwas heikel sein.

Delia Imboden, 26, Kulturvermittlerin

Porträt Delia Imboden.

Bildlegende: Delia Imboden. SRF/Nelly Rodriguez

1. Braucht es Kritikerinnen?

Ja. Kritikerinnen reflektieren, was in der Kunst und Kultur geschieht und sie reflektieren die Reflexionen der Kunstschaffenden nochmals. Dadurch tragen sie zur Kommunikation zwischen Kunst und Gesellschaft bei. Die Kultur ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die Kritikerin hat die Aufgabe, die Kultur breit und in verschiedenen Facetten abzubilden.

2. Was muss man als Kritikerin können?

Zuschauen und sich auf Dinge einlassen können, auch wenn sie einem vielleicht weniger gefallen. Und sensibel sein. Als Kritikerin muss ich fair bleiben, auch wenn ich ein hartes Urteil fälle. Dann muss ich es gut begründen.

3. Traumberuf: Kritikerin?

Nein, definitiv nicht. Die Arbeit macht zwar Spass und ich finde es spannend, sich immer wieder auf neue Stücke einzulassen. Aber nur Kritikerin zu sein wäre mir zu eintönig und öde. Und vor allem sind die heutigen Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeit und Lohn nicht sehr erfreuend.

Bettina Scheiflinger, 32, Oberstufenlehrerin

Porträt Bettina Scheiflinger

Bildlegende: Bettina Scheiflinger. SRF/Nelly Rodriguez

1. Braucht es Kritikerinnen?

Ja. Kunst will wahrgenommen und verarbeitet werden, mit den Menschen in Kontakt treten, etwas beim Zuschauenden auslösen. Kritiker und Kritikerinnen fördern diesen Diskurs. Sie verschaffen einem Werk mehr Raum. Eine gute Kritik hilft den Lesenden bei der Entscheidungsfindung, ob er sich diesen Film, das Stück, das Konzert anschauen oder das Buch lesen soll. Im Zweifelsfall soll die Neugier siegen.

2. Was muss man als Kritikerin können?

Ehrliches Interesse am Objekt steht an erster Stelle. Dicht gefolgt von der Fähigkeit, Beschreibung stimmig und Meinung fundiert zu Papier zu bringen und Bezüge sowie Vergleiche herstellen zu können. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Beeinflussung durch die eigene Lebenswelt kritisch zu hinterfragen gehört ebenso zu den persönlichen Kompetenzen eines Kritikers wie eine Portion Mut und nicht zuletzt: eigene Kritikfähigkeit.

3. Traumberuf: Kritikerin?

Nicht meiner. Jedenfalls nicht im Moment.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 7.3.2017, 9.02 Uhr.

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