Viel verschollen und fast vergessen: Jiddischer Tango

Tango war der Tanz der Einwanderer in Argentinien. In 1920er-Jahren entstanden auch in Osteuropa eigene Kompositionen. Der jiddische Tango erzählt von Heimatlosigkeit und Ausgrenzung. In den Konzentrationslagern der Nazis wurde Tango zum Klang der Hoffnung – und zur Begleitmusik von Todesmärschen.

Mehrere jüdische Paare tanzen Tango, eines blickt in die Kamera.

Bildlegende: Emigration, Vernichtung und Familienschicksale: Tango begleitet die jüdische Geschichte. zvg

  • Ende des 19. Jahrhunderts wanderten Juden aus Osteuropa nach Argentinien aus. Die Musiker unter ihnen entdeckten den Tango für sich.
  • Während des NS-Regimes bestand der jiddische Tango vor allem aus umgearbeiteten jüdischen Hits aus der Vorkriegszeit.
  • Tango gab den Inhaftierten in den KZs Hoffnung. Die Nazis zwangen diese aber auch, den Gang in die Gaskammern mit Tangomusik zu begleiten.

Neues entsteht, wenn Verschiedenes aufeinandertrifft: So war es jedenfalls bei dem Tango, der Ende des 19. Jahrhunderts in den argentinischen Hafenstädten geboren wurde. Spanier, Italiener, Deutsche und afrikanische Sklaven trafen da aufeinander und vermischten ihre Melodien, Rhythmen und Tänze zur städtischen Milonga, dem Vorläufer des Tangos.

Eine grosse Einwanderergruppe war auch die der osteuropäischen Juden, die vor Pogromen in ihrer Heimat flüchteten. Angekommen in Argentinien, voller Hoffnung auf ein neues Leben, wollten sie ihren Kummer und ihr Leid auch musikalisch verarbeiten.

Sarah Ross, Professorin für jüdische Musikstudien an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, erklärt: «Die Einwanderer waren auf der Suche nach einer Musik, die das Gefühl der Entwurzelung, der Ausgrenzung und Heimatlosigkeit widerspiegelt und im gerade entstandenen Tango fanden sie eine perfekte Projektionsfläche.»

Ein neuer globaler Sound

Als der Tango in den 1920er-Jahren nach Europa und Osteuropa überschwappte, wurden viele jüdische Musikerinnen und Musiker angesteckt von diesem neuen globalen Sound – nicht zuletzt, weil die Tangorhythmen so wunderbar kompatibel waren mit ihrer eigenen traditionellen Volksmusik.

Sie etablierten den Tango in Ballsälen und Revuetheatern von Lodz bis St. Petersburg und begannen bald, auch eigene Tangolieder zu komponieren und Texte in ihrer Muttersprache Jiddisch zu schreiben.

Tango um zu Überleben

Der Tango blieb in Osteuropa lange Mode – auch als 1939 das NS-Regime mit der Errichtung der Ghettos und der Deportation der Juden in die Konzentrationslager begann. Während des Lebens im Schatten des Todes in den Ghettos und unter den unmenschlichen Haftbedingungen in den KZs verkörperte der Tango eine Hoffnung auf Freiheit, sagt Sarah Ross: «Der jiddische Tango diente den deportierten Jüdinnen und Juden als emotionale Stütze, er diente zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls und des Überlebenswillens, auch wenn das unwirklich klingt.»

«Auf keinen Fall arisch»

Viele der jiddischen Tangolieder, die in den Ghettos und Konzentrationslagern entstanden, sind Kontrafrakturen jiddischer Hits aus der Vorkriegszeit. Bestehende Lieder also, die bearbeitet und mit einem neuen Text versehen wurden. Ein Beispiel ist das Lied «Jiddischer Tango», das von Rufen Tsarfat im Ghetto Kauen in Litauen geschrieben wurde und auf dem bekannten Lied «Shpil zhe mir a lidele oyf yidish» basiert.

Der neue jiddische Text spielt mit dem mittelalterlichen Motiv des Totentanzes und drückt die Hoffnung aus, dass die jiddische Sprache und Musik das Grauen überleben wird: «Spiel mir einen Tango, doch bloss nicht arisch / auf keinen Fall arisch und barbarisch / Alle Feinde sollen sehn, dass ich immer noch einen Tanz aufs Parkett legen kann, der sich gewaschen hat!»

Liebeslied im Tangotakt

In den Ghettos und Konzentrationslagern entstanden aber auch originäre Lieder. Shmerke Kaczerginski zum Beispiel schrieb nach dem Tod seiner Frau im Ghetto von Wilna das Liebesgedicht «Friling», das Abraham Brudno mit einer lyrischen Tangomelodie vertonte: «Ich irre im Ghetto von Gasse zu Gasse und kann keinen Ort finden / Nicht da ist meine Liebe, wie erträgt man es?»

Klang der Hoffnung und des Todes

Anders als der Jazz, der in den Ghettos und Konzentrationslagern verboten war, duldeten die Nationalsozialisten jiddische Tangolieder: «Sie fanden, dass diese Musik nicht Unruhe auslöse oder zur Rebellion anstosse, sondern eine ‹beruhigende Wirkung› habe», sagt Sarah Ross. Deswegen wurde der Tango auch in den Lagerkapellen gespielt, neben Foxtrott und Walzer.

Doch die Absurdität war noch grösser: Die inhaftierten Musikerinnen und Musikern dieser Kapellen wurden dazu gezwungen, mit Tangos auch den Marsch der Gefangenen in die Gaskammern zu begleiten. So war der Tango paradoxerweise beides: einerseits die Hoffnung auf Freiheit, anderseits als «Tango des Todes» der perverse Soundtrack einer grauenhaften Vernichtung.

Verschollene Erinnerung

Viele jiddische Tangos, die in den Konzentrationslagern und Ghettos entstanden sind, haben bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren. Um an die Schrecken der Nazizeit zu erinnern und die Tradition des jiddischen Tangos zu pflegen, wird das Erbe lebendig gehalten: von Interpretinnen von Deutschland bis Argentinien wie Zully Goldfarb, Karsten Troyke oder Nizza Thobi.

Viele jiddische Tangos aber sind verschollen. Weil die Komponistinnen und Komponisten nicht überlebt haben, oder weil sie ihre Notenblätter verbrennen mussten, um sich im Winter warm zu halten.

Lesehinweis

Lloica Czackis: «Tangele: the history of Yiddish tango», Jewish Quarterly, Frühling 2003 (PDF)

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