Vom Kunstatelier auf die Bühne: die Grenzgängerin Miet Warlop

Die belgische Künstlerin Miet Warlop ist ein Shootingstar der Theater-Festivalszene und begeistert mit einer einzigartigen Ästhetik. Ihre Bühnenshows erinnern an Actionpainting oder Skulpturen, sind anarchisch und unvorhersehbar

Mann, Gesicht mit pinker Perücke verdeckt, sitzt auf Bühne, dahinter weisse Wand, mit Farbe verkleckert.

Bildlegende: Wer eine nacherzählbare Geschichte und eine nachvollziehbare Logik sucht, ist bei Miet Warlop falsch: «Mistery Magnet». Miet Warlop/Reinout Hiel

Die Bühne ist leer. Wie ein Museumswärter sitzt einer vor einer weissen Wand. Und dann geht's los: Andere Figuren betreten die Bühne, in schwarzen Ganzkörperanzügen und riesigen bunten Perücken. Sie übergeben sich mehrmals in bunten Farblachen, ein ganzer Schwarm von Dartpfeilen fliegt von der Decke und ein Luftballon-Hai segelt in Miet Warlops Stück «Mystery Magnet» ins Publikum.

Der Prozess des Verdauens

Wer eine nacherzählbare Geschichte und eine nachvollziehbare Logik sucht, ist bei Miet Warlop falsch. Die Bilderwelt, die sie vor dem Publikum ausbreitet, ist so überraschend wie ungewöhnlich. Auf der Bühne: ein Schlamassel der exorbitanten Art. Wenn man sich darauf einlässt, weiss man am Schluss nicht mehr genau, wie man an diesen Punkt gekommen ist. Langweilig und vorhersehbar ist das nie.

«Jede Arbeit ist eine Art Portrait von mir», sagt die 37-jährige Belgierin. Man sehe darin, was sie beschäftige, was sie über Kunst denke. «Ich sauge wie ein Schwamm alles auf, was ich erlebe, und meine Arbeiten sind dann das, was nach dem Verdauen dabei rauskommt. Quasi mein Mageninhalt.»

Malerin, Bildhauern, Performerin

Von aussen betrachtet: Eine präzise Komposition basierend auf ihrer ureigenen Phantasiewelt. So ist das Folgestück zu «Mystery Magnet» ein Solo in schwarz-weiss geworden. Nach dem bunten Farbenrausch kommt «Dragging the Bone» wie der düstere Schatten der vorhergehenden Gruppenarbeit daher. Mit derselben Radikalität und Präzision.

«Ich verstehe mich eigentlich immer noch als bildende Künstlerin, auch wenn ich in den letzten Jahren viel Erfahrungen im Theaterbereich gemacht habe», sagt Miet Warlop. Wahrscheinlich sei es ein Glück gewesen, dass Theaterleute ihre Abschlussarbeit an der Akademie für visuelle Kunst in Gent gesehen haben und ihr die Möglichkeit gaben, fürs Theater zu arbeiten: Die Künstlerin zeigt ihre Arbeiten heute vor allem an Theaterfestivals und begeistert mit einer einzigartigen Ästhetik.

Doch eigentlich kümmert sie sich nicht um solche Einteilungen: Sie agiert wie eine Malerin, wenn es ihre Arbeit verlangt, sie ist Bildhauerin, wenn es nötig ist, und sie tritt als Performerin in ihren Shows auf.

Einiges vom Theater abgeschaut

Gleichzeitig hat sie sich vom Theater auch einiges abgeschaut. Mittlerweile mache sie sogar ein Aufwärmtraining, bevor sie auf die Bühne gehe, lacht sie. Nur Proben im konventionellen Sinn würden bei ihrer Arbeit wenig Sinn machen. Da in «Mystery Magnet» wie in «Dragging the Bone» viel Material zerstört wird und die leere, geordnete Bühne sich vor den Augen des Publikums ins Gegenteil verkehrt, könne sie diese Prozesse nicht immer wieder proben. «Ich weiss, wie eine Farbfontäne funktioniert oder wie eine Gipskugel zerscheppert, das muss ich nicht proben.»

So geht sie vor der Show nur noch einmal die Abläufe in Gedanken durch, der Rest passiert dann live. Und es lohnt sich, dabei zu sein.

Warlop eröffnet «Auawirleben»

Miet Warlop eröffnet am 30. April das Theaterfestival «Auawirleben» in Bern. Das Festival dauert bis am 10. Mai. Neben den ins Festival integrierten Berner Spielstätten werden theaterunspezifische Räume und Orte theatral besetzt.

Sendung zu diesem Artikel