Kurt Früh schaute dorthin, wo die Schweizer wegsahen

Schweiz, Anfang Fünfzigerjahre: Das Land ist im Aufschwung. Möglichst rasch gilt es, die Schrecken des Krieges zu vergessen. Der Heimatfilm boomt. Dem widersetzte sich der sozialkritische Kurt Früh. Und verlieh in seinen Filmen randständigen Figuren eine Stimme.

1957 gelingt Kurt Früh der Durchbruch: «Bäckerei Zürrer» ist ein Erfolg. Und es ist Frühs erster persönlicher Film. Als Inspiration dafür dient ihm das wahre Leben in der Stadt Zürich.

In seinen Filmen ist Kurt Frühs sozialkritische Position deutlich erkennbar. Er macht den Menschen als Ganzes und das Zusammenleben zum Thema: zum Beispiel das Zürcher Halbwelt-Milieu im Film «Café Odeon». Oder das uneheliche Kind einer deutschen Gastarbeiterin in «Hinter den sieben Gleisen». Und mit «Der Teufel hat gut lachen» zeigt Früh, wo die Schwächen einer wachsenden Konsumgesellschaft liegen.

Die Nähe zum Abgrund

Bereits in den 50er-Jahren sorgt die stetige Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Süden für Angst in der Schweiz. Man fürchtet die Verdrängung der eigenen Kultur und Tradition und sehnt sich umso mehr nach unpolitischen Heimatfilmen, nach der guten alten Schweiz.

Entgegen diesem Trend widmet sich Früh in seinen Filmen lieber den Figuren am Abgrund. Diesen Menschen steht er auch persönlich nahe, begegnet ihnen regelmässig mit offenem Ohr in den heruntergekommenen Gaststätten Zürichs. Viele der Obdachlosen kennt er beim Namen und weiss um deren Lebensgeschichten. Erzählungen zufolge gehen diese Bekanntschaften so weit, dass die Zürcher Clochards regelmässige Zuschauer der Dreharbeiten sind.

Die drei Clochards als wiederkehrendes Motiv

Drei Clochards mit Hut und Mantel.

Bildlegende: Die drei Clochards Barbarossa (Max Haufler), Dürst (Zarli Carigiet) und Clown (Ruedi Walter). SRF

Früh bietet seinen ungewöhnlichen Freunden auch einen Platz auf der Leinwand. Ihre Lebensgeschichten inspirieren ihn. Gleich in drei verschiedenen Filmen ist das Trio von Clochards anzutreffen. Sie stellen in «Bäckerei Zürrer» eine Gegenwelt zum Kleinbürgertum dar, in «Hinter den sieben Gleisen» sind sie die Retter in der Not und in «Der Teufel hat gut lachen» zeigt sie Kurt Früh als Gutmenschen in Zeiten des Wirtschaftswachstums. Die Botschaft bleibt dieselbe: Zum Leben braucht es keine materiellen Reichtümer, auch Äusserlichkeiten sind nicht von Wichtigkeit. Es kommt auf die innere Güte an.

Früh platziert die drei Clochards in die Welt der Kleinbürger und übt mit ihnen Kritik am traditionellen Gedankengut der Schweizer. Dies gelingt ihm, weil er einerseits auf gesellschaftlich verankerte Muster zurückgreift, andererseits aber mit der alltäglichen Vorstellungs- und Wertewelt bricht.

Seiner Zeit weit voraus

Kurt Früh geht mit den damaligen Spannungen in der Schweiz ungewöhnlich um. Seine Kritik an der Gesellschaft ist in seinen Filmen deutlich zu spüren. Im Medium Film sieht er die Möglichkeit, Figuren zu schaffen, denen die Zuschauer in der Wirklichkeit so nicht begegneten. Es ist ihm ein Anliegen, mit seinen Geschichten zu erheitern und zu rühren. Subtil hält er der Gesellschaft einen Spiegel vor. Und immer wieder ist zu spüren, was ihn am meisten bewegt: die zerstörerische Kraft der Habgier, die Einsamkeit der Menschen und die Hilfsbereitschaft trotz allem.

Nina Bühlmann

Nina Bühlmann ist Studentin am Seminar für Filmwissenschaft an der Uni Zürich. Sie veröffentlichte eine Seminararbeit zum Thema «Kurt Früh. Ein Schweizer Filmemacher zwischen den Welten».