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71. Filmfestival Cannes Terry Gilliams grosses Kino und noch grösserer Traum

Ein Vierteljahrhundert arbeitete Gilliam an «The Man Who Killed Don Quixote». Das Resultat? Überraschend und ermüdend.

Legende: Video Trailer zu «The Man Who Killed Don Quixote» abspielen. Laufzeit 2:12 Minuten.
Vom 19.05.2018.

Fünfundzwanzig Jahre hat Terry Gilliam gebraucht, um diesen Film auf die Beine zu stellen. Zwei Hauptdarsteller sind in dieser Zeit gestorben, John Hurt und Jean Rochefort.

Ihnen ist der Film gewidmet, in dem nun Jonathan Pryce und Adam Driver sich die Titelrollen teilen. Pryce ist Don Quixote, Adam Driver der Regisseur, der daran schuld ist. Terry Gilliam sind sie beide.

Der einstige Zusatz-Monty-Python Gilliam hatte dermassen viel Pech mit diesem Mammut-Projekt, dass es mehr Legenden dazu gibt, als Szenen im Film. Die Entstehungsgeschichte des Films füllt einen langen, tragischen Wikipedia-Eintrag, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Mann mit Kopfhörern draussen, im Hintergrund EIn Mann in alter Ritterrüstung auf einem Pferd.
Legende: Regisseur Terry Gilliam und sein Don Quixote Jonothan Pryce haben einen weiten Weg hinter sich. Filmfestival Cannes

Vom Retter zum Verhinderer

Die Uraufführung zum Abschluss des 71. Filmfestivals von Cannes wäre beinahe wieder geplatzt, hat doch der portugiesische Produzent Paulo Branco, der zeitweilig als Retter des Films aufgetreten ist, gegen die Aufführung und den Kinostart in Frankreich geklagt.

Letzte Woche wurde seine Klage vorläufig abgewiesen, das Festival von Cannes kann mit «The Man Who Killed Don Quixote» die diesjährige Preisverleihung abschliessen.

Überraschend und ermüdend

Der Film wurde der Presse nun vorab vorgeführt, als einziger in Cannes, der vor seiner Galapremiere zu sehen war. Unter anderem, weil er in Frankreich gleich ins Kino kommen soll und ihn die französischen Kritiker ohnehin schon gesehen haben.

Zwei Männer sitzen lachend draussen vor einem Wasserfall auf zwei Stühlen.
Legende: Übernahmen die Rollen der verstorbenen Schauspieler John Hurt und Jean Rochefort: Adam Driver und Jonathan Pryce in einer Drehpause. Filmfestival Cannes

Nun, wie ist er geworden? Überraschend, ausufernd, verblüffend, aber auch ermüdend. Bisweilen urkomisch, dann wieder fantastisch, wie so oft bei Terry Gilliam. Der Film ist viel fröhlicher, trauriger und liebevoller als viele seiner anderen Meister- und Halbmeisterwerke.

Auf dem klapprigen Pferd

Adam Driver, als Alter Ego des Regisseurs, spielt den gefeierten Filmemacher Toby. Er lebt vor allem von Werbefilmen, versucht aber in Spanien einen neuen Don Quixote zu inszenieren. Mit einem alten Mann auf einem klapprigen Pferd, mit Windmühlen, einem dicken Sancho Panso und Stellan Skarsgård als Financier.

Doch der Dreh ist kompliziert. Nichts geht wie es soll, die Frau des Financiers stellt Toby nach, der Financier versucht, einen Deal mit einem russischen Wodka-Oligarchen an Land zu ziehen.

Beim Abendessen gerät Toby über einen fliegenden DVD-Händler an eine Schwarzkopie seines ersten grossen Studentenfilmprojektes: einer Don-Quixote-Verfilmung, die er mit Freunden in einem kleinen spanischen Dorf gedreht hatte, mit dem Schuhmacher in der Titelrolle.

Adam Driver
Legende: Adam Driver als Filmemacher Toby, der Don Quixote neu inszenieren will – mit klapprigem Pferd und dickem Sancho Panso. Filmfestival Cannes

Vergangenheit vs. Gegenwart

Von da an vermischen sich die Erinnerungen an den damaligen Dreh mit der Gegenwart und die beiden Ebenen wiederum mit der längst zur Legende gewordenen Cervantes-Welt: Toby besucht das Dorf und stösst unter anderem auf den damaligen Schuhmacher, der sich mittlerweile tatsächlich für Don Quixote (Jonathan Pryce) hält und Toby zu seinem Sancho Pansa macht.

Natürlich fehlen weder der Gaul Rosinante noch die schöne Dulcinella. Denn auch die Unschuld der Tochter des Dorfwirtes hat Toby auf dem Gewissen. Er hat sie auf die Idee gebracht, Filmstar werden zu wollen. Das kam nicht gut.

Ernsthaftigkeit des Träumens

Terry Gilliams Film ist eine weitverzweigte Tragikomödie, eine wilde Farce, die alles Mögliche reflektiert. Das Filmemachen an sich, die Romantik-Kritik des Cervantes, die Verantwortung des Künstlers und die Ernsthaftigkeit des Träumens – wie fast immer bei Terry Gilliam.

Der Film ist zugleich stringenter und kompakter als seine letzten Projekte, ausserdem dichter und besser ausgestattet. Aber auch zuweilen ähnlich ermüdend und überdeutlich.

Mann neben einem Schild mit der Aufschrift "Quixote vive"
Legende: Totgesagte leben länger: Terry Gilliams Film hat eine bewegte Produktionsgeschichte hinter sich. Filmfestival Cannes

Wahrscheinlich spiegeln der Film sowie das Drehbuch auch den Umstand, dass die Träume immer grandioser sind, als ihre Umsetzung. Wenn einer 25 Jahre lang geträumt hat, kann die Umsetzung nicht alles umfassen.

Dafür ist erstaunlich und erfreulich viel übrig geblieben in dem, was jetzt «The Man Who Killed Don Quixote» ist: Ein Terry-Gilliam-Film, der bleiben wird.

Kinostart: 6.9.2018

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Legende:Getty Images / Bildmontage

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