90 blutige Minuten aus der Sicht eines Ego-Shooters

Im Computerspiel ist die Ich-Perspektive weit verbreitet. Im Film hat sie sich nie wirklich durchgesetzt. Mit «Hardcore Henry» hat ein russisch-amerikanisches Action-Projekt wieder einmal einen Versuch gewagt. Ein zweifelhaftes Vergnügen.

Eine Hand ziehlt mit einer Waffe auf einen Helikopter aus dem sich drei Personen abseilen.

Bildlegende: Der Film «Hardcore Henry» erzählt konsequent aus der Sicht des Protagonisten. STX Entertainment/Bazelevs Production

Die ersten Bilder von «Hardcore Henry» zeigen einen vernarbten Bauch und Beine im Wasser. Es ist die Perspektive, die Hauptfigur Henry auf sich selber hat. Er ist eben in einem Tank aufgewacht. Das Gesicht einer Frau schiebt sich ins Bild.

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Trailer «Hardcore Henry»

2:34 min, vom 14.4.2016

Aus der Sicht eines Cyborgs

Und schon passiert der nächste mörderische Angriff: Schiessende Gestalten stürmen das Labor in dem er sich befindet. Wir sehen das alles mit Henrys Augen: Die Perspektive des Publikums ist die von Henry. Das ändert sich den ganzen Film über nie.

Neunzig Minuten lang rennen wir mit Henry, schiessen, töten, stechen und schlagen. Verstecken uns, springen aus Fenstern und fahrenden Lastwagen und treffen auf seltsame Typen, die behaupten, uns helfen zu wollen. Bald erfahren wir jedenfalls, warum wir selber nicht sprechen können: Das Sprachmodul ist nicht installiert. Dafür wissen wir, ob Henry eine Frage mit Ja oder nein beantwortet, weil das Bild auf und ab schwenkt oder eben hin und her.

Die Hauptfigur, die keiner sieht

Das Kino hat immer wieder experimentiert mit der subjektiven Perspektive. Zum Beispiel mit der Chandler-Verfilmung «Lady in the Lake» von 1947, welche die ganze Handlung aus dem Blickwinkel des Detektivs Philip Marlow zu zeigen versuchte. Der Film hat nicht funktioniert, weil man sich als Zuschauer mit dem körperlosen Blick der Hauptfigur nicht identifizieren konnte.

1995 gelang es Kathryn Bigelow zumindest für eine kurze Filmsequenz in «Strange Days» die Perspektive eines Mannes wiederzugeben, die sich danach als Aufzeichnung seiner Gehirnströme entpuppt.

Zuschauer beim Computerspiel

Aber das Problem bleibt bei all diesen Versuchen, dass wir gewohnt sind, unseren Blick schweifen zu lassen, die Augen zu bewegen, auch im Kino. Der starre subjektive Blick macht uns zu Gefangenen. Im Computerspiel ist das auszuhalten, weil wir unsere Figur selber steuern.

All seinen perfekten Stunts und raffinierten Killerszenen zum Trotz vermittelt das «Hardcore Henry»-Actionspektakel dagegen bloss das Gefühl, jemandem beim Spielen mit einem Ego-Shooter am Bildschirm über die Schulter zu blicken. Das ist für ein paar Minuten faszinierend. Aber nicht über blutige 90 Minuten hinweg.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.4.2016, 8.20 Uhr.