«Alone in Berlin»: Auch Stars retten die Fallada-Verfilmung nicht

Die jüngste Adaption von Hans Falladas Bestseller «Jeder stirbt für sich allein» enttäuscht an der Berlinale. Die Story eines Berliner Ehepaars, das sich in 1940er-Jahren gegen Hitler auflehnt, wirkt künstlich und verstaubt. Stark sind die Zweier-Szenen mit Brendan Gleeson und Emma Thompson.

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«Alone in Berlin» - Schweizer Beitrag an der Berlinale

2:30 min, aus Tagesschau vom 16.2.2016

Mindestens viermal wurde Hans Falladas Roman «Jeder stirbt für sich alleine» bereits verfilmt. Am bekanntesten ist wohl Alfred Vohrers Version mit Hildegard Knef von 1975. Die jüngste Adaption heisst «Alone in Berlin»; in den Hauptrollen sind ein irischer und ein englischer Star, Regie führte der Schweizer Vincent Perez.

Ein Mann mit blutender Nase.

Bildlegende: Daniel Brühl als Gestapo-Fahnder Escherich. Christine Schröder/X Filme Creative Pool

Widerstand gegen Hitler

Im Plot hält sich das Drehbuch eng an den Roman. Otto Quangel (Brendan Gleeson) arbeitet als Werkmeister in einer industriellen Schreinerei. Seine Frau Anna ist mit abnehmender Begeisterung in einer Quartier-Frauengruppe für Hitlers Rüstungskampf aktiv. Beide haben mit dem Kriegstod ihres Sohnes den letzten Rest Verständnis für Hitlers Deutschland verloren.

Quangel beginnt, anonyme Widerstandspostkarten zu schreiben und verteilt sie mit Hilfe seiner Frau in der ganzen Stadt. Dann ist da noch Daniel Brühl als Kommissar Escherich, der Kriminalist, der den Quangels mit modernen Rasterfahndungsmethoden auf die Postkartenschliche kommt.

Wie aus der Nazifilm-Kasperle-Kiste

Vom Denunzianten über die Kleinkriminellen, die brutalen SS-Offiziere und die duckmäuserischen Nachbarn – in «Alone in Berlin» ist das ganze Gruselkabinett versammelt.

Doch was in Falladas Roman noch eine genuine Aufarbeitung der Zustände war, wirkt hier grossenteils wie aus der Nazifilm-Kasperle-Kiste zusammengeklaubt. Natürlich hat das mit der Ausstattung zu tun – und mit dem Umstand, dass es schon so viele, bessere Filme zum Thema gegeben hat.

Der ganze Fundus von Babelsberg ist drin: Potsdam, der ehemalige Flughafen Tempelhof und viele, viele Autos, Fahrräder, Kleinvehikel und nachgedruckte Originalplakate aus Hitlers Deutschland. Aber nichts wirkt eben staubiger und künstlicher, als ein auf maximalen Realismus getrimmter Spielfilm mit detailreicher originalgetreuer Ausstattung – und dann in der falschen Sprache. Denn: Gesprochen wird in «Alone in Berlin» durchweg Englisch.

Schwer zu sagen, wie dieses sauber geschriebene und handwerklich recht ordentlich gemachte Stück Europudding in deutscher Synchronisation wirkt. Wahrscheinlich etwas besser.

Ein Mann streicht seiner Frau über das Gesicht, beide schauen bedrückt.

Bildlegende: Stille Widerständler. Otto Quangel (Brendan Gleeson) und seine Frau Anna (Emma Thompson). Marcel Hartmann/X Filme Creative Pool

Schuldig durch Schweigen

Dennoch gibt es auch viele starke Momente im Film, besonders zwischen Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bezeichnenderweise sind die stärksten davon genau jene, in denen die beiden unter sich sind.

«Alone in Berlin» ist Publikumskino, einer jener Filme, die uns daran erinnern, was passiert ist, und vor allem wie es passiert ist und wie niemand wirklich unbeteiligt bleiben konnte. Die einen machen sich durch Schweigen und Wegschauen schuldig, die anderen durch Opportunismus. Insofern ist auch dieser Film nicht ohne Wert, Aufgabe und potenziellen Nutzen.

Aber das Gefühl, das alles schon ein paar Mal gesehen zu haben, und vor allem, schon ein paar Mal stärker beeindruckt worden zu sein, das bleibt. Und daran sind weder Brendan Gleeson noch Emma Thompson schuld. Denen kann man immer und immer wieder zuschauen. Bei allem.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 17.2.2016, 16:45 Uhr