«Appassionata», ein Flügel auf Reisen

Der Film «Appassionata» begleitet Alena Cherny aus ihrer Wahlheimat Schweiz zurück ins ukrainische Heimatdorf. Dort will die Pianistin ihrer ehemaligen Schule einen Flügel schenken. Ein berührender Dokumentarfilm.

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«Appassionata» (CH/ UA 2012)

1:16 min, aus Box Office vom 3.3.2013

Klaviere, Flügel, Orgeln – alles was Tasten hat, bedeutet sicheren Halt für Alena Cherny. «Männer, Freunde und Kinder gehen», sagt die Pianistin, «aber die schwarzweissen Tasten bleiben, verlässlich und treu.» Im Herbst, am Filmfestival in Zürich, hat «Appassionata» den Publikumspreis erhalten. Das erstaunt nicht, so ein Schicksal berührt.

Erfolgsdruck und Mobbing im Musikinternat

Alena Chernys Leben ist eng verknüpft mit der jüngsten europäischen Geschichte zwischen Ost und West, mit der Wende und der Katastrophe von Tschernobyl. Die Filmreise aus der Schweiz zurück in die ukrainische Heimat erzählt ihr Leben quasi rückwärts.

Alena Cherny sitzt mit geschlossenen Augen am Flügel.

Bildlegende: Zwischen Leid und Leidenschaft: Alena Cherny. Look Now!

Nach und nach erfahren wir, warum sie der Schule dort unbedingt einen Flügel schenken will: Weil sich so der Kreis schliesst vom 9jährigen Mädchen damals, zur Frau Mitte 40 heute. Früh schon bestimmt Alenas Mutter, Lehrerin und Mitglied der kommunistischen Partei, dass die begabte Tochter Pianistin werden soll. Sie schickt ihr Mädchen für zehn Jahre nach Kiew ins Musikinternat.

Das Kind zerbricht fast am Erfolgsdruck und den harten Bedingungen. Alena Cherny erzählt von jahrelangem Hunger und deutet Mobbing an. Das alles mündet in einem Selbstmordversuch, und erst nach psychiatrischer Betreuung schafft sie doch noch den Weg zurück zur Musik.

Tschernobyl zerrüttet ihr Weltbild

Es sind die letzten Jahre des Kommunismus. 1986 schlägt die Katastrophe Tschernobyl wie ein Meteorit in Alena Chernys Leben ein. Ihre Erkenntnis: Dem Staat und der Ideologie sind Menschen nichts wert.

In der Folge zerbricht ihre erste Ehe. Sie emigriert in den Westen, heiratet einen Schweizer Klavierbauer und zieht mit der Tochter nach Wetzikon. Heute lebt sie da allein – mit drei Flügeln.

Die Familie kommt kaum zu Wort

Das Familiäre ist Alena Chernys wunder Punkt. Ihr Verhältnis zur Tochter und den Eltern erscheint in den Filmszenen fragil und angespannt. Die Gesichter der Beteiligten sprechen Bände. Das der Tochter, die sich von der starken Mutter mühevoll abgenabelt hat. Das des Vaters, zuhause im ärmlichen Dorf, der still zu leiden scheint und zu allem Ja sagt. Das der Mutter, die ein Idealbild der Tochter zu konstruieren versucht.


Filmkritik «Appassionata»

3:51 min, aus Kultur kompakt vom 12.03.2013

Trotzdem wirken die Menschen, die Cherny umgeben, zeitweise wie Statisten. Es wäre schön, wenn sie mehr zu Wort kommen würden. Aber das verletzte Kind in ihr zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Der Zuschauer kommt sehr nahe an Alena Cherny heran, vielleicht zu nah.

Musik als Zwang und Rettung

Alena Chernys Rückreise ins Heimatdorf entpuppt sich als Versuch, die losen Fäden zusammenzuknüpfen und Frieden zu schliessen. Beim Fest in der Schule ist sie ganz anders: Zehn Jahre jünger, gelöst, zuhause angekommen - obwohl sie es dort nicht mehr aushalten würde.

«Appassionata» ist ein Film über Musik als Zwang und Rettung zugleich und mit einer starken Hauptperson, die sich selbst und andere inszeniert, aber mit ihrer Offenheit berührt.