Ausgequalmt? Die WHO sagt dem Rauchen im Film den Kampf an

Rauchende Revolver gehen. Aber rauchende Cowboys nicht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will Zigaretten von der Leinwand verbannen. Werden in Zukunft sogar die Raucher aus alten Filmen geschnitten? Rauchzeichen einer Zeit, die es gut meint, aber fragwürdige Entscheidungen trifft.

Kopf an Kopf: Ein Mann mit Zigarette im Mund neben einer jungen Frau mit kurzem Haar.

Bildlegende: Das Feindbild der WHO: Jean-Paul Belmondo in Jean-Luc Godards Kippen-Klassiker «A bout de souffle». Studio

Die WHO will im Film keine Zigaretten mehr sehen. Denn rauchen die Stars, rauchen auch ihre Fans: So lautet das Fazit des neuen «Smoke-Free-Movies-Report». Und der liefert Zahlen: 2014 haben allein in den USA sechs Millionen Jugendliche mit dem Rauchen begonnen; 37 Prozent aller Anfänger gaben den Filmstars mit Kippe die Schuld.

Um die Jugend besser zu schützen, fordert die Weltgesundheitsorganisation die Regierungen auf, Fördergelder für Filmprojekte zu streichen, in denen geraucht wird. Zusätzlich will sie Kinobetreiber, TV-Sender und Online-Dienste dazu verpflichten, Anti-Raucher-Werbung vor jedem Film mit Tabakszenen zu zeigen.

Soziale Sprengkraft

Ach, das das gute alte Kino: War es nicht einst der liebste Sehnsuchtsort der Raucher und all derer, die gerne selbst verruchte Helden geworden wären? «À bout de souffle»: Jean-Paul Belmondo mit der fingerdicken Gitane im Mund, an deren Glut er sich immer gleich die nächste Kippe anzündet. Marlon Brando in «A Streetcar Named Desire». Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany's»? Humphrey Bogart in «Casablanca»! Kino und der blaue Dunst – das ist auch die ikonische Bildergeschichte einer grossen und langen Freundschaft.

Ein elegant gekleideter Mann sitzt rauchend auf einem Sofa, neben ihm liegt eine nackte Frau.

Bildlegende: Die letzte Zigarette danach? Szene aus Paolo Sorrentinos «La grande bellezza». Pathé Films

Goofy mit Zigarre

Selbst Goofy war mal Raucher, so lange ist es gar nicht her: 1951 versuchte er in «No Smoking» vergeblich, sich das Laster Zigarre abzugewöhnen. So etwas wäre heute undenkbar - auch ohne die resolute Kampfansage der WHO: Seit 2015 gilt für alle Disney-Filme ein absolutes Rauchverbot.

Die Gesundheit ist das Eine, das Geld das Andere, woran man nicht nur im Haus mit der Maus denkt: 2007 beschloss die Motion Picture Association of America, der Verband der sechs grossen US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften, das Rauchen an die Altersfreigabe eines Films zu koppeln. Die Rechnung der Filmindustrie war schnell gemacht: je mehr Film-Zigaretten, desto weniger junges Kino-Publikum.

Nullkommanull-Toleranz

Gegen die Leinwand-Raucher wird schon länger mobil gemacht, vor allem in den USA. Hier gibt es gut besuchte Internet-Portale wie Scenesmoking.org, die Filme nach ihrem Zigarettenvolumen bewerten: «Gute» Filme kriegen hübsche Lungen in Pink, die verrauchten erhalten scheusslich schwarze.

Tatsächlich wird auf der Kino-Leinwand wieder mehr geraucht als auch schon: In den frühen 1980er-Jahren wurden 4,9 Lungenzüge pro Filmstunde gemessen – zwei Jahrzehnte später waren es 10,9. Für die WHO ist heute klar: Nur 0,0 ist gut genug. Es braucht ein flächendeckendes Zigarettenverbot auf der Leinwand.

Überschätzte Vorbildfunktion

Heinz-Bernd Heller hält die neue Offensive der Weltgesundheitsorganisation für naiv. Die WHO gehe von viel zu einfachen mechanischen Wirkungsmechanismen aus. Den Film habe man immer schon als grossen Verführer gesehen, so Heller: «Aber noch jede Zensurmassnahme ist ohne Nutzen geblieben.» Auch, weil man die Vorbildfunktion der Figuren im Film zu überschätzen pflege: «Wer beginnt heute noch zu rauchen, bloss weil in Paolo Sorrentinos 'La grande bellezza' eine völlig überzeichnete Figur die Zigarette zelebriert?»

Eine «hysterische Political Correctness» sei das Gebot der Stunde, sagt Heller. Der Medienwissenschaftler will sie kürzlich auch in Paris ausgemacht haben, als man für eine Jacques-Tati-Ausstellung dem ewigen Pfeifenraucher Monsieur Hulot seines besten Stücks beraubte und ihn auf dem Plakat mit einem Windrädchen im Mund abbildete. Hellers grösste Sorge: Dass man die Raucher aus den alten Filmen schneidet, bevor es dann dem Alkohol an den Kragen geht. Heute Prävention, morgen Prohibition?

Who’s next?

Kopfschütteln ist auch die erste Reaktion aus der Schweizer Kinobranche. «Ein Film hat nicht die Aufgabe, eine ideale und perfekte Welt abzubilden. Sondern auch ihre Schattenseiten.» Für bedenklich hält Ivan Madeo den Vorstoss der WHO. Der Schweizer Filmproduzent («Der Kreis», «Heimatland») spricht erst mal als Bürger, wie er selbst sagt: Er habe ein grundsätzliches Problem mit jeder Art von autoritärer Bevormundung, weil er an den mündigen Menschen glaube. «Jetzt sind die Raucher dran. Aber wer folgt als nächstes?»

Ein Film, die Kunst, müsse in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen alles zeigen dürfen. Sonst müsste man irgendwann auch andere unangenehme Themen aus der Filmwelt bannen: Alkohol, Kriminelle, Vergewaltiger, Pädophile, ja, sämtliche Kriege, sagt Ivan Madeo. Die Löschung aus dem kollektiven Bewusstsein sei keine konstruktive Lösung für gesellschaftliche Aufklärung, sie sei es noch nie gewesen. «So etwas denken sich nur Leute aus, die keine Ahnung von der Wirklichkeit haben.»

Oder solche, die E-Zigaretten rauchen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 01.02.2016, 16:30 Uhr.