Beim «Drive»-Regisseur muss Gewalt aufregend wirken

Nicolas Winding Refn ist ein unbestechlicher Beobachter der emotionalen Verkrüppelung in einer verrohten Welt. Kein Wunder, dass der Regisseur schon als künstlerischer Terrorist mit einer Kamera bezeichnet wurde. Doch wer ist der Mann, der das Publikum mit unbändiger visueller Wucht wachrüttelt?

Nicolas Winding Refn hält die Hände hoch.

Bildlegende: Sein neustes Projekt ist ein Sex-Thriller: Nicolas Winding Refn. Reuters

Nicolas Winding Refn hat sich den Ruf erarbeitet, ein Regisseur zu sein, der immer für eine Überraschung gut ist. In knapp zwei Jahrzehnten sind wundervolle und manchmal auch wundersame Werke mit einer ganz eigenen Filmsprache entstanden. Refn arbeitet mit jedem Film ein Genre ab, bevorzugt dabei Thriller, metaphysischen Epos und Filmbiographie.

Visuell geht Refn dabei bis an die Grenze des Erträglichen. Kein Wunder, dass schnell Vergleiche zwischen Refn und Quentin Tarantino gezogen wurden. Beide haben bereits in jungen Jahren Aufmerksamkeit erregt, beide haben eine Schwäche für Pulp und Gangster, beide sind inszenatorisch brillant. Refn sagt dazu: «Ich glaube, dass unsere Filme völlig unterschiedlich sind. Allerdings kommen wir aus derselben Video Generation und hatten Zugang zu denselben obskuren Filmen, die uns inspiriert haben».

In die Wiege gelegt

Nicolas Winding Refn wurde am 29. September 1970 in Kopenhagen geboren. Der Sohn der dänischen Kamerafrau Vibeke Winding und des Filmregisseurs und Cutters Anders Refn wuchs ab dem achten Lebensjahr in den USA auf. Nach seinem Schulabschluss, den er in Dänemark machte, besucht er in New York die American Academy of Dramatic Arts. Nach einem Disziplinarverfahren wird er der Schule verwiesen und kehrt nach Kopenhagen zurück. Das Angebot der Danish Film School, ihn aufzunehmen, schlägt er aus.

Auf und Ab 1

1996 gibt ihm ein Produzent das nötige Geld, um seinen ersten Spielfilm «Pusher», einen düsteren und brutalen Drogenthriller, zu realisieren. Der Film, in dem Darsteller Mads Mikkelsen sein Spielfilmdebüt feiert, kommt bei der Kritik und beim Publikum gut an. 1999 dreht Refn den Thriller «Bleeder» und 2002 seinen ersten englischsprachigen Film «Fear X» mit John Turturro in der Hauptrolle. Trotz guter Kritiken ist der Film ein finanzielles Desaster. Refn kehrt nach Dänemark zurück und dreht 2004 «Pusher II» und 2005 «Pusher III».

Neue Ufer

2006 stürzt sich Nicolas Winding Refn in sein bis dato ambitioniertestes Projekt: «Valhalla Rising», ein archaisches Wikingerepos, ein visionärer Farbenrausch und Refns Absage an klassische Erzählstrukturen. Produktionstechnische Schwierigkeiten zwingen den Regisseur, die Dreharbeiten zu unterbrechen und ein anderes Projekt anzunehmen: «Bronson». Der Film basiert auf der Biographie des Schwerverbrechers Michael Peterson, der die meisten seiner brutalen Untaten im Gefängnis beging. 2008 kann Refn die Dreharbeiten an «Valhalla Rising» zu Ende führen.

Der Durchbruch

Ryan Gosling lehnt an ein Auto. Ein Ausschnitt aus dem Film «Drive».

Bildlegende: Ryan Gosling in «Drive» Keystone

2010 dreht Refn zum ersten Mal in Hollywood. «Drive», die Geschichte eines Versagers, der tags als Stunt- und nachts als Fluchtwagenfahrer für die Mafia arbeitet, wird 2011 in Cannes gezeigt. Der Film begeistert Kritik und Zuschauer gleichermassen. Refn wird mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. An der Kinokasse spielt der Film Millionen ein. Der fantastische Soundtrack mit 80er-Jahre-Synthiepop-Songs wie «Nightcall» von Kavinsky und «A real hero» von College trug sicherlich zum Erfolg bei.

Auf und Ab 2

Zwei Jahre später läuft der ausgesprochen gewalttätige «Only God Forgives» in Cannes im Wettbewerb und wird ausgebuht. Doch bereits in diesem Jahr war der Regisseur wieder an der Croisette, diesmal als Jurymitglied unter dem Vorsitz von Jane Campion. Zur Zeit arbeitet Refn am Drehbuch zu «Walk with the Dead» einem Sex-Thriller, der in Miami spielen soll.

Sendeplatz

Freitagnacht um 22:45 Uhr auf SRF zwei