Berlinale: Die Festivalperlen stammen nicht aus Hollywood

Die Mechanismen von Film-Festivals sind klar: Stars wie George Clooney bekommen die Aufmerksamkeit, Produktionen aus Südkorea oder Frankreich laufen so nebenbei. Dabei sind es Filme wie «Snowpiercer» und «L’enlèvement de Michel Houellebecq», die der Berlinale ihren eigentlichen Glanz verleihen.

Tilda Swinton auf dem Roten Teppich in Berlin.

Bildlegende: Schauspielerin Tilda Swinton auf dem Berlinale-Teppich: Sie spielt in «The Grand Budapest Hotel» und «Snowpiercer» mit. Keystone

Das südkoreanische Kino erlebt momentan einen regelrechten Boom. Im eigenen Land werden mit Filmen «Made in Korea» jährlich über 100 Millionen Kinotickets verkauft. Der Marktanteil beträgt sagenhafte 60 Prozent. Aber auch im Ausland ist das koreanische Kino mit phantasievollen Monsterfilmen wie Bong Joon Hos «The Host» äusserst erfolgreich.

Dessen neuster Film «Snowpiercer» ist die teuerste südkoreanische Produktion aller Zeiten. Die Comic-Verfilmung kostete 40 Millionen Dollar und wartet mit Stars auf wie Tilda Swinton, John Hurt und Ed Harris. Das klingt schwer nach Hollywood-Massenware, ist aber feinste Action-Kost aus Fernost.

«Snowpiercer» – ein Blockbuster mit subversiver Note

Wir schreiben das Jahr 2031. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Im Kampf gegen die Klimaerwärmung wurden Chemikalien in die Atmosphäre geschickt, welche die Erde in einen Eisball verwandelt haben. Nur ein Zug, der sogenannte «Snowpiercer», trotzt der Kälte.

Die Eisenbahn-Passagiere des retro-futuristischen Wunderwerks sind die einzigen Überlebenden der globalen Klimakatastrophe. In Sicherheit wähnen können sie sich aber nicht. Denn die Gefahr kommt nicht nur von aussen, auch innerhalb des Zugs sorgen die frappierenden sozialen Unterschiede für Sprengstoff. Die hungernden Passagiere vom Zugsende planen den Aufstand gegen ihre brutalen Unterdrücker, die in den vorderen Wagen in Saus und Braus leben.

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Trailer von «Snowpiercer»

1:45 min, vom 12.2.2014

Die soziale Kluft im Film sei ein Abbild unserer heutigen Gesellschaft, erzählt Hauptdarsteller John Hurt im Interview. Hurt spielt in der bildstarken Dystopie Gilliam, den geistigen Führer der Unterschicht. Ein alter Weiser mit weisser Weste? So einfach macht es sich Bong Joon Hos «Snowpiercer» glücklicherweise nicht. Die Figuren unterscheiden sich wohltuend von den Charakter-Schablonen, die Hollywood meist bietet. Vor allem Tilda Swintons Figur brennt sich ins Gedächtnis ein: die androgyne Sicherheitsdienst-Chefin Mason, eine Tyrannin mit wunderbar unsympathischem Yorkshire-Akzent.

Zu intelligent für das Massenpublikum?

Dank subversiver Gesellschaftskritik, starker Charaktere und pulsierender Action ist «Snowpiercer» mit seinen rund zwei Stunden keine Minute zu lang. Produzent Harvey Weinstein, der die Rechte für den englischsprachigen Markt besitzt, sah dies lange Zeit anders. Er wollte den Film für das amerikanische Publikum massiv kürzen, weil er ihn für zu komplex hielt.

Als sich Regisseur Bong Joon Ho weigerte, drohte Weinstein, selbst Hand anzulegen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Weinstein einen Film verstümmelt. Insider nennen den Kino-Tycoon deswegen Harvey «Scissorhands»: Harvey mit den Scherenhänden.

Vor wenigen Tagen dann aber die glückliche Wende. Weinstein gibt nach, der Film wird auch in den USA in voller Länge zu sehen sein. Ein unerwarteter Triumph für Regisseur Bong Joon Ho und alle Kino-Puristen. Für einmal hat sich die künstlerische Vision gegen das finanzielle Kalkül durchgesetzt.

«L’enlèvement de Michel Houellebecq» – wahrhaftig fiktiv

Zuerst die Fakten: Michel Houellebecq, enfant terrible des französischen Literaturzirkus‘, verschwand im September 2011 auf mysteriöse Weise. Eigentlich hätte der Gewinner des Prix Goncourt Werbung für seinen Roman «Karte und Gebiet» machen sollen. Doch aus der geplanten Lesereise wurde nichts. Der Schriftsteller liess die Termine platzen.

Im Internet kursierten bald die wildesten Gerüchte. Das islamistische Terrornetzwerk Al-Qaida habe ihn entführt – oder waren es gar Ausserirdische? Das Rätselraten erstreckte sich über mehrere Tage, bis Houellebecq unversehrt wieder auftauchte. Der Autor selbst weigert sich bis heute, Auskunft über sein plötzliches Verschwinden zu geben.

Der «echte» Houellebecq

Konsterniert: Michel Houellebecq umgeben von Journalisten.

Bildlegende: Michel Houellebecq im Zentrum der Aufmerksamkeit, als er 2010 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Keystone

Guillaume Nicloux will mit seinem Film diese Wissenslücke schliessen. Das suggeriert zumindest der Titel. Der groteske Handlungsverlauf macht jedoch schon bald klar: «L’enlèvement de Michel Houellebecq» inszeniert die Entführung nicht nach, sondern führt sie lustvoll ad absurdum. Mit freundlicher Unterstützung des echten Michel Houellebecq, der sich selbst spielt: als ständig rauchenden Sonderling, der sich rasch mit seinen dilettantischen Entführern anfreundet. Nein, Präsident François Hollande werde kein Lösegeld für ihn bezahlen, erklärt er den treuherzigen Kidnappern in einer Szene fast schon väterlich. Keinen Cent.

Trotz seines urkomischen Charakters ist «L’enlèvement de Michel Houellebecq» mehr als nur die fiktive Chronik einer absurden Entführung. Der Film kann auch als überraschend wahrhaftiges Porträt des umstrittenen Schriftstellers gesehen werden. Houellebecq sei beim Dreh in keine Rolle geschlüpft, versichert Regisseur Guillaume Nicloux. Er habe nicht geschauspielert, sondern bloss auf die jeweilige Situation reagiert, ohne einstudierte Dialoge. Was er im Film sage, sei Houellebecq pur.

Aus Schweizer Sicht ist das besonders interessant, denn ganz am Schluss des Films lästert Houellebecq über die EU: Schweden zum Beispiel sei längst eine Diktatur; von echter Demokratie könne nur noch in der Schweiz die Rede sein.