67. Berlinale Berlinale: Unterhaltung mit Haltung?

Die 67. Ausgabe des Festivals, das sich schon immer als das «politischste aller Festivals» bezeichnet, geht dem Ende zu. Doch wie politisch ist das Kino der diesjährigen Berlinale?

Ein Filmstill aus «Colo»

Bildlegende: «Colo»: Erst nach und nach erschliesst sich, was mit dieser Familie los ist. Alce Filmes

  • Festivalleiter Dieter Kosslick forderte an der Berlinale «Unterhaltung mit Haltung».
  • Viele Filme im diesjährigen Programm thematisieren grössere, gesellschaftliche Krisen.
  • Ohne den moralischen Zeigefinger hochzuhalten, wird mit starken Bildern und wenigen Einstellungen viel über die Welt und ihre Befindlichkeit ausgesagt.
  • Besonders heraus sticht der neue Film des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki: Kino für Geniesser – und gleichzeitig höchst politisch.

Film sei ein Spiegel der Gesellschaft – diese Behauptung kann nirgendwo besser überprüft werden als an einem Filmfestival. Über 400 Filme sind es, die an den 67. Internationalen Filmfestspielen von Berlin in nur elf Tagen gezeigt werden, 400 unterschiedliche Geschichten, aus allen Winkeln der Welt, aus vielen Epochen der Menschheitsgeschichte, aktuell, historisch, fantastisch, dokumentarisch.

Aber: Wie politisch ist das Kino der diesjährigen Berlinale? Das Filmfest, das sich mit dem Titel ehrt, «das politischste aller Festivals» zu sein?

Ein Filmstill aus «Colo».

Bildlegende: In «Colo» hat die Wirtschaftskrise eine Familie im Griff. Alce Filmes

Ganz nah dabei

Eine 17-jährige Teenagerin fragt ihre Mutter wiederholt nach dem Geld für die Bus-Monatskarte. Und geht dann zu Fuss zur Schule. Die Mutter ist ständig müde, der Vater scheinbar arbeitslos.

«Colo», ein Film der portugiesischen Regisseurin Teresa Villaverde, erzählt die Geschichte einer dreiköpfigen Familie und ihrer alltäglichen Verrichtungen und Sorgen. Die Regisseurin ist ganz nah dabei, in dieser gutbürgerlichen Wohnung, in der sich ein grosser Teil dieser filmischen Erzählung abspielt.

Nach und nach erschliesst sich, was mit dieser Familie los ist: Die Wirtschaftskrise hat die Familie im Würgegriff, der Strom wird abgestellt, die Mutter muss zwei Jobs ausüben, die Tochter rebelliert mit langem Wegbleiben und Drogenabstürzen, der Vater verschwindet tagelang.

Kino darf das

Der Film ist ein Beispiel dafür, wie das Kino mit grösseren gesellschaftlichen Krisen umgeht: Hier ist es die Wirtschaftskrise, das Abrutschen des Mittelstandes in die Armut. Mit dem nahen Blick auf einzelne Figuren und ihrer Schicksale, nicht mit dem Mahnfinger und einem Erklärkino, das sofort in Bild und Text übersetzt, was nun denn genau das politische Thema hinter der Familiengeschichte ist.

Kino kann das, darf das, soll das: Nah dran gehen, hinschauen, zeigen statt erklären, beobachten statt befragen – und manchmal auch weglassen.

Unterhaltung mit Haltung

Sich via Einzelschicksal, via Nucleus der Gesellschaft mit politischen und sozialen Ereignissen auseinanderzusetzen ist eine Möglichkeit, die viele Filmemacher suchen – auch Aki Kaurismäki mit seinem Meisterwerk «Toivon Tuolla Puolen» («The Other Side of Hope»), in dem er zwei Schicksale kreuzt. Das des syrischen Flüchtlings Khaled, der in Finnland Asyl beantragt und das des Finnen Wikström, der in der Lebensmitte neu beginnt, sich von seiner Frau trennt, seinen Job als Hemdenvertreter aufgibt und ein Restaurant übernimmt.

Kaurismäkis Film steht exemplarisch dafür, wie die von Festivalleiter Dieter Kosslick geforderte «Unterhaltung mit Haltung» funktioniert. Da ist dieses wunderbar bildschöne, perfekt komponierte und mit dem für Kaurismäki typisch lakonischen Humor versetzte Kino für Geniesser – und da ist gleichzeitig eine höchst aktuelle politische Begebenheit (einem syrischen Flüchtling aus Aleppo wird in Finnland Asyl verweigert), die Kaurismäki übersetzt in eine Geschichte von Leid, Not, aber auch voller Humanität, voller Zuneigung für seine Figuren.

Ein Filmstill aus "Toivon Tuolla Puolen".

Bildlegende: In seinem Meisterwerk «Toivon Tuolla Puolen» («The Other Side of Hope») kreuzt Aki Kaurismäki zwei Schicksale. Malla Hukkanen, Sputnik Oy

Kein Zeigefinger

Dies sind nur zwei Beispiele aus dem Hauptprogramm der Berlinale, das 24 Filme umfasst – einem Programm, das nicht den moralischen Zeigefinger hochhalten muss, um politisch relevant zu sein. Das in starken Bildern, wenigen Einstellungen viel über die Welt und ihre Befindlichkeit aussagen kann.

So wie in Kaurismäkis Film «The Other Side of Hope». Dort zeigt ein Zoom auf den Abfluss einer Dusche. Hinein fliesst ganz schwarzes Wasser, weil sich der syrische Flüchtling Khaled, angekommen im Kohlehaufen eines Schiffs, als erste Handlung in Finnland duscht. Der ganze Schmutz dieses Bürgerkriegs und der fürchterlichen Reise übergibt er erst einmal der Kanalisation. In einer einzigen Einstellung. Das kann nur gutes Kino.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext, 17.2.2017, 9:00 Uhr.

Die 67. Berlinale

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