Bill Nighy – ein Anti-Star der alten Schule

Manche Schauspieler liebt man, ohne ihren Namen zu kennen. Für viele zählt dazu auch der Brite Bill Nighy. Alles andere als prominent, hat er in vielen Filmen mitgewirkt, nur: stets in zweiter Reihe, im Schatten der Stars. Im Thriller «Page Eight» tritt der Unscheinbare aber ins Rampenlicht.

Man hat das Gefühl, der Mann sei nie ein Kind gewesen, sondern 1949 schon alt zur Welt gekommen. Bill Nighy wirkt meist ein wenig abgelebt, weltmüde, von einer urbritischen Zurückhaltung, die an Teilnahmslosigkeit grenzt. Sein kantiges, fast konkaves Gesicht, in das die Augen eingekerbt zu sein scheinen, arbeitet mit einer minimalen Mimik, zu der auch eigentümliche Zuckungen gehören. Nicht zuletzt deshalb ist Nighy für Fans selbst dann zu erkennen, wenn er, wie in «Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest» als Davy Jones, eine Maske aus computergenerierten Tentakeln trägt.

Monster und Gentlemen

Überhaupt hat Nighy sich in den letzten Jahren in mehreren Fantasy-Filmserien ausgetobt: als fieser Obervampir Victor in der «Underworld»-Saga, als Hephaistos im «Wrath of the Titans»-Streifen, und sogar im vorletzten «Harry Potter»-Film gab er sich als Minister Rufus Scrimgeour die Ehre. Auch bei den rabiaten Spässen von Simon Peggs und Nick Frost, von «Shaun of the Dead» bis zu «The World's End» war er mit von der Partie.

Seine bekannteste Rolle bleibt aber der in Unwürde alternde Rocker Billy Mack im erfolgreichen Ensemble-Rührstück «Love, Actually» (2003) von Richard Curtis. Allerdings hatte Nighy eine analoge Figur bereits 1998 in Brian Gibsons brillanter Komödie «Still Crazy» gespielt, in welcher angejahrte Glam-Rocker ein Comeback versuchen.

Curtis hat ihm nun in seinem neuen Kinofilm «About Time» seine vielleicht liebenswürdigste Rolle auf den Leib geschrieben: Als Vater des jungen Protagonisten Tim, der mit 21 erfährt, dass er durch die Zeit reisen kann, ist Nighy warmherzig und extrovertiert wie nie zuvor.

Angestaubter Aristokrat

Unschlagbar ist Bill Nighy freilich als Darsteller britischer Gentlemen der alten Schule. Während Michael Caine immer ein Hauch von Cockney-Proll anhaftet, strahlt der in Surrey geborene Nighy etwas angestaubt Aristokratisches aus. Hinter dem perfekt gekleideten und leisen Auftreten kann sich jedoch allerhand verbergen.

Wie diese etablierten Herren sich letztendlich verhalten, wenn es hart auf hart geht, ist kaum absehbar. Das gilt für Nighys Rollen als hoher Diplomat in «The Constant Gardener» (2005) ebenso wie für seine preisgekrönte Verkörperung des Chefredakteurs in der BBC-Fassung von «State of Play» (2003). In dem von Curtis geschriebenen Fernsehfilm «The Girl in the Café» (2005) liess sich Nighy als emotional eingefrorener britischer Beamter von der süssen Kelly Macdonald auftauen und in einen politischen Skandal hineinreissen und errang für seine Darbietung eine Golden-Globe-Nomination.

«Page Eight», ein ironischer Spionagethriller

Ebenfalls für den Golden Globe und weitere Preise nominiert wurde Bill Nighy für seine glanzvolle Verkörperung der Hauptrolle in «Page Eight». Johnny Worricker arbeitet beim britischen Geheimdienst MI5, aber er ist alles andere als ein James Bond. Er ist eine jener grauen Mäuse, die endlos Akten wälzen und dann und wann auf etwas Brisantes stossen. Dazu zählt die titelgebende «Page Eight» eines geheimen Dossiers. Was darin steht, stürzt Johnny, seinen Chef und seine Kollegen in einen fatalen Strudel von Verdächtigungen und Intrigen.

David Hare, ursprünglich Dramatiker, aber auch für seine Roman-Adaptionen («Der Vorleser», «The Hours») bekannt und seit «Wetherby» (1985) selber als Regisseur tätig, erweist in «Page Eight» der Tradition des britischen Spionageromans im Stil von John Le Carré seine Reverenz. Gleichzeitig untergräbt er deren Klischees und thematisiert die zunehmende Entfremdung der Geheimdienste von der zeitgenössischen Politik. Die «Seite 8» der besagten Akte dient zwar als klassischer «MacGuffin» (also als ein Objekt, das die Handlung vorantreibt), aber ihre Relevanz wird nach und nach fragwürdig.

Zu wenig Sex fürs Kino

Bevölkert hat Hare seinen fast schon parodistischen Anti- oder Meta-Spionagefilm mit durchwegs tollen Schauspielern: Der grossartige Nighy wird flankiert von Michael Gambon und Judy Davis, Ralph Fiennes gibt den hassenswerten Premierminister. In einer Nebenrolle ist Marthe Keller wieder einmal zu sehen. Rachel Weisz spielt die mysteriöse und verführerische Nachbarin Nancy, die Worricker in seine Bredouille verwickelt – oder ist es umgekehrt?

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Die jazzige Eröffnungssequenz von «Page Eight»

2:03 min, vom 17.10.2013

Hare wollte «Page Eight» eigentlich fürs Kino machen, aber da es darin zwar viel Spannung und clevere Dialoge gibt, aber kaum Action- oder Sexszenen, blieb ihm die Finanzierung versagt und er konnte den Stoff nur als TV-Movie realisieren. Dieses allerdings hatte die Ehre, am Toronto Film Festival 2011 als Abschlussfilm aufgeführt zu werden.

Inzwischen arbeiten Hare und Nighy übrigens an einer Fortsetzung von «Page Eight». Johnny Worricker darf sich also im kommenden Jahr noch einmal in die Schlangengrube stürzen.

Sendehinweis

Der Film «Page Eight» wird am Sonntag um 22:10 Uhr auf SRF zwei ausgestrahlt.