Brian Wilson ritt nicht immer auf der Glückswelle

«Surfin’ U.S.A.» heisst die bekannteste Hymne der Beach Boys an die vermeintliche Leichtigkeit des Seins. Welchen Preis die kalifornischen Surfmusiker für ihren Erfolg zahlten, zeigt jetzt das Biopic «Love & Mercy» über Brian Wilson, den kreativen Kopf der Beach Boys.

Die Pet Shop Boys halten ein Surfbrett.

Bildlegende: Posieren fürs Cover von «Surfin' USA». Rechts zu sehen ist Brian Wilson (gespielt von Paul Dano). Ascot Elite

Sonne, Strand und Wellenreiten: Bis heute haftet der Musik der kalifornischen The Beach Boys das Flair einer properen Unverwüstbarkeit an. Eine permanente Sommerbräune liegt auf den vielstimmigen Schubidu-Chören, und das einzige, was an diesem Image knirscht, ist der Sand in den Segelschuhen der Wilson-Brüder.

In den 1960er- und 1970er-Jahren gehörten die Beach Boys zu den einflussreichsten Popbands weltweit. Mit ihrem Surf Rock stürmten sie zuverlässig die Hitparaden. Es war ein akribisch geplantes und ausgeführtes Erfolgsrezept, das erst mit dem Beginn der «British Invasion», dem Einfall der Beatles in die amerikanische Popkultur, an Wirkung verlor.

Ein neuer Kontinent

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Trailer «Love & Mercy»

1:00 min, vom 9.6.2015

«Die Beatles dürfen uns nicht einfach so überholen», sagt ein aufgekratzter Brian Wilson, grossartig gespielt von Paul Dano, in dem Biopic «Love & Mercy» von Bill Pohlad. Der 24-jährige kreative Kopf der Beach Boys erahnt jenseits des gewohnten Wellenschlags der Surfmusik einen neuen Kontinent von Klängen und Geräuschen, den er auf seinem ambitionierten Konzeptalbum «Pet Sounds» kartografieren will.

Wilson klinkt sich aus der laufenden Tournee seiner Band aus und verschanzt sich in einem Studio, das er zu einem halben Orchestergraben umfunktioniert. Er nimmt Fahrradglocken und Hundegebell auf und fragt sich, ob wohl noch Platz für ein Pferd im Studio ist. Gleichzeitig experimentiert der begnadete Musiker aber auch mit seiner eigenen Psyche: Nach dem Konsum von LSD beginnt Wilson Stimmen zu hören. Er wird sie sein Leben lang nicht mehr los.

Der prügelnde Vater

John Cusack in einem grünen Hemd.

Bildlegende: Verkörpert den älteren Brian Wilson: John Cusack. Ascot Elite

Erzählt werden die musikalischen Experimente und psychedelischen Selbstversuche in Rückblenden, welche die Rahmenhandlung in einer Reihe von Flashbacks durchsetzen. Anfang der 1990er-Jahre lernt die Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) einen künstlerisch ausgebrannten Brian Wilson (John Cusack) bei einem Verkaufsgespräch kennen. Der Musiker hinterlässt dabei nicht nur einen fahrigen Eindruck, sondern auch seine Visitenkarte.

In persönlichen Gesprächen enthüllt Wilson darauf, dass unter dem Sand der fröhlichen Musikrevolution der 1960er-Jahre ein brutal hartes Pflaster lag. Sein ehrgeiziger Vater prügelte Wilson – nicht nur verbal – zum Welterfolg und hielt ihn durch emotionale Erpressung gefügig. Nach dem Tod des Tyrannen und dem kommerziellen Flop von «Pet Sounds» erlitt der manisch-depressive Musiker einen Nervenzusammenbruch und landete in den Fängen eines ausbeuterischen Psychologen (Paul Giamatti), der Wilsons Sehnsucht nach einer Ersatzfamilie ausnutzt und ihn mit Drohungen und Drogen an sich bindet.

Die Stille hinter dem Namen

«Love & Mercy» erzählt von dem Ablösungskampf, den Wilson bestehen muss, um mit seiner zweiten Ehefrau Melinda zusammenzukommen. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden beschädigten Seelen ist zart erzählt. Doch es sind die Szenen mit einem jungen Brian Wilson, die den Film wirklich herausragend machen. Wie Paul Dano den Musiker mit Bauchansatz und kindlicher Freude am Ausreizen der Konventionen spielt, ist einfach fabelhaft.

Die Handlung von «Love & Mercy» ist ähnlich geschichtet wie der Gesang, für den die Beach Boys berühmt waren. Dabei lässt die Verfilmung ebenso viel von Wilsons Biografie aus, wie sie zum Tönen bringt. Und das Auslassen macht Sinn: In der Fülle der Ereignisse wird es still um den Mann mit dem klingenden Namen, der sein Leben lang doch nichts anderes wollte, als in Ruhe musizieren.