«Only God Forgives» – platte Dialoge in einem Film ohne Handlung

Vor zwei Jahren gab es für Nicolas Winding Refn einen Regiepreis in Cannes. Jetzt war sein neuester Film «Only God Forgives» zu sehen und erntete Buh-Rufe. Hauptdarsteller Ryan Gosling glänzte durch Abwesenheit, vielleicht hatte er eine Vorahnung.

Kristin Scott Thomas sitzt alleine an einem schön gedeckten Tisch.

Bildlegende: Kristin Scott Thomas ist als rächende Mutter unterwegs und endet schlimm. Festival de Cannes

Es gibt ein paar urkomische Momente in diesem gefriergetrockneten Hochglanznichts. Kurz bevor der diabolische Chefpolizist (Vithaya Pansringarm) einen der Drogen-Handlanger mit stählernen Essstäbchen an seinen Sessel nagelt, ihm die Augen aufschlitzt und einen Eispickel ins Ohr schiebt, fordert einer der Unterpolizisten die im Nachtclub anwesenden Damen dazu auf, die Augen zu schliessen.

Und als Ryan Goslings Julian seiner eiskalten Mutter (Kristin Scott Thomas) beim Nachtessen seine Gefährtin vorstellt, und diese der Mama auf Nachfrage erklärt, sie sei Entertainerin, fragt die blondierte Mutter: «And how many cocks at once can you entertain with that cute little cumdumpster of yours?»

Kristin Scott Thomas als blondierte Mega-Megäre erinnert an Diane Ladd als mörderische Mama Marietta in David Lynchs «Wild at Heart». Überhaupt erinnert der ganze Film mit seinem kaum existierenden Plot an jenen Klassiker unter den genial verfilmten Trash-Büchern.

Zehn Minuten hätten gereicht

Nicolas Winding Refn hat allerdings weder auf einen Roman zurückgegriffen, noch einen Drehbuchautor beigezogen. Er hat dieses ganze flache Kuchenblech von einem Bilderbuchunterboden selber geschrieben – oder auch nicht. Denn die paar wenigen Dialoge sind nicht nur unsäglich platt, sie werden häufig auch noch mehrfach wiederholt. Und wenn man sich die Handlung oder einen Plot zusammenreimen möchte, dann kommt man mit zehn Minuten Erzählzeit wohl bestens durch.

Ein Versuch: Julian führt mit seinem älteren Bruder in Thailand einen Boxclub, der als Tarnung für die Drogengeschäfte der Familie dient. Eines Abends rastet der Bruder aus, vergewaltigt und ermordet eine junge Prostituierte und bleibt neben der Leiche im Raum.

Killer töten Mörder

Der geheimnisvolle Polizeichef taucht auf und lässt den Mörder mit dem Vater des Mädchens im Raum allein. Nachdem dieser den Killer seiner Tochter blutig totgeschlagen hat, schlägt ihm der Polizeichef seinerseits eine Hand ab. Zur Strafe und als Erinnerung, dass er sich gefälligst um das Wohl seiner verbleibenden Töchter besser kümmern soll.

Nun kommt Mama Crystal (Scott Thomas) aus den USA eingeflogen und setzt ihrerseits Killer auf die Mörder ihres Sohnes an. Big Mistake: Polizeichef Chang ist der Gott der Rache höchstpersönlich, und gegen ihn ist kein Kraut gewachsen.

Das ist kein Film mit einer spannenden Geschichte oder gar einer überraschenden Auflösung. Er erinnert eher an Stimmungsversuche wie Alan Parkers «Angel Heart». Oder Stilübungen im Gefolge von Wong Kar Wai. Ein britischer Kollege hat denn auch relativ treffend «Only God Forgives» als «In the Mood for Blood» betitelt.

Rache, Vergebung – ist auch egal

Hauptdarsteller Ryan Gosling in, blaues Neonlicht getaucht, steht vor einem Spiegel.

Bildlegende: Prätentiös inszeniert, aber auch das rettet den Film nicht: Ryan Gosling in blaues Neonlicht eingetaucht. Festival de Cannes

Rein filmisch ist der Film ein Trip. Die Tableaus erinnern an Manga-Seiten, die Szenenabfolge ebenfalls. Und über dem Ganzen liegt ein dröhnender Soundteppich von Cliff Martinez, der oft direkt über Zwerchfell und Magen geht und kaum mehr über die Ohren. Die meisten Szenen spielen in Nacht und Dunkelheit, und das Licht hat fast immer einen Neonschein in gelb, blau oder rot.

Das alles müsste man aber schon sehr mögen, um gegen die Langeweile des prätentiösen Ethik-Kitsches anzukämpfen. Wer da was rächt und wer was nicht vergibt, ist letztlich irrelevant. Wenn Goslings Julian am Ende die Leiche seiner Mutter öffnet und ihr in den Bauch hineingreift, dann lässt sich das vielfach interpretieren, aber nicht geniessen.

Cannes: Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich in Cannes dutzende Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

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