Sofia Coppolas «Bling Ring»: Verwöhnte Teenies als Räuberbande

Es gab sie tatsächlich diese Bande von jungen Frauen, die die Villen von Stars wie Paris Hilton, Megan Fox oder Orlando Bloom ausraubten. Sofia Coppola hat aus der Geschichte einen Film gemacht, der zeigt, dass nicht jede Story, die das Leben schrieb, wirklich auf die Leinwand gehört.

Fünf gut gekleidete Jugendliche mit Sonnenbrillen schlendern durch die Stadt.

Bildlegende: Durchgestyled auf den Strassen von Beverly Hills: Emma Watson (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen. NALA Films

Wohlstandsverwahrloste Teenager, die in Beverly Hills die Villen ihrer Idole ausräumen. Das hat doch seinen Reiz. Jedenfalls wurden die echten Mitglieder des so genannten «Bling»-Rings zu Facebook-Berühmtheiten. Ein Grund für Sofia Coppola, ihren Protagonistinnen erfundene Namen zu geben.

Egoistische Hühner

Sie habe verhindern wollen, sagte die Regisseurin an der Pressekonferenz in Cannes, dass sie mit ihrem Film noch zum zweifelhaften Ruhm der Kids beitrage. Die Sorge muss sie sich wohl nicht machen: Die Jugendlichen dieses Films weisen – mit Ausnahme des Jungen im Bunde – wenig sympathische Züge auf. Es sind oberflächliche, labelversessene egoistische Hühner, und ihr Vokabular macht den Film in seinen ersten zwei Dritteln zur Tortur: «Oh My God… amazing… totally.»

Seine eigentliche Stärke ist zugleich die grösste Schwäche des Films. Coppola zeichnet ihre Figuren wie Karikaturen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie der Realität entspringen. Die nächtlichen Raubzüge werden ebenso repetitiv wie der verbale Austausch unter den Kids, und ihre einzig der «Fameball»-Kultur entspringenden Visionen sind dermassen dünn, dass man fast durch die Leinwand fällt.

Das ist nicht Sofia Coppolas Fehler, sie kennt offensichtlich die Szene, die sie einfängt. Sie hat ja im Prinzip immer Filme über die Welt gedreht, in der sie aufgewachsen ist: die Scheinwelt zwischen Show und Business, Glamour und Schäbigkeit und der verzweifelten Suche nach etwas, das dem Leben Form geben könnte – in einer Umgebung, die «talent» preist, aber dem Glanz huldigt.

Die Regisseurin Sofia Coppola in weisser Bluse neben einer Kamera.

Bildlegende: Die Regisseurin Sofia Coppola. Nala Films

Der Schaden im Kopf

Die besten Momente hat der Film denn auch, wenn Coppola einen Einblick in die Familien ihrer Protagonisten gewährt. Da gibt es Einstellungen, die einen japsen lassen. Wenn aber zum Schluss die meisten der Girls sich in Eigen-PR-Salven ergeben, kommt die Karikatur schon wieder zur Deckung mit der Wirklichkeit. Ob nun Lindsay Lohan oder Paris Hilton oder eben die Chicks vom Bling Ring: Sie können mir gestohlen bleiben. Wenn die einen die anderen beklauen, kommt niemand zu Schaden, beziehungsweise, die Schädigung ist längst irreversibel in den Köpfen.

Der Film ist Sofia Coppolas Kameramann Harris Savides gewidmet, der während der Produktion gestorben ist. Ihm und Christopher Blauvelt sind einige ziemlich grossartige Einstellungen zu verdanken. Überhaupt ist «The Bling Ring» rein technisch eine gekonnte Angelegenheit und Sofia Coppola längst eine versierte Regisseurin. Aber damit ein Film mich erreicht, muss es ihm gelingen, mir seine Figuren zumindest so nahe zu bringen, dass sie mein Interesse wecken.

Die Stärke der früheren Filme

«The Bling Ring» ist konsequent, bleibt ehrlich, aber der Film entwickelt keinen emotionalen Sog, die Barbies lassen mich kalt – weil sie selber nichts wirklich zu vermissen scheinen. Oder alles, ohne das auch nur im geringsten zu ahnen.

Aber einen Vorteil hat «The Bling Ring»: Der Film macht noch einmal ganz deutlich, wo die Stärke der anderen Filme von Sofia Coppola lag: Im Vermitteln einer Sehnsucht nach mehr als Oberfläche. Das war so in «Lost in Translation» und bei den «Virgin Suicides», ganz besonders aber bei «Marie Antoinette», mit dem Sofia Coppola hier in Cannes 2006 so unverdient Schiffbruch erlitten hatte. Dort ist es ihr gelungen, den Raum zwischen Attitüde und Sehnsucht zu öffnen.

Cannes: Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich in Cannes dutzende Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Filme, die das Leben schrieb

    Aus 10vor10 vom 15.5.2013

    In Cannes wurden die 66. Filmfestspiele eröffnet. Auffallend im diesjährigen Programm: Es gibt ein Trend zu Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Nicht nur der Überdruss an Fantasy- und Superhelden-Filmen führt zur verstärkten Hinwendung zum Realen. Diese hängt auch mit der Schnelllebigkeit unserer Zeit zusammen.