Spielberg und Cannes – es begann mit einem Missverständnis

Steven Spielberg präsidiert die Jury bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes. Das hat durchaus symbolische Bedeutung. Einer der erfolgreichsten US-Regisseure kehrt an den Ort zurück, wo er vor Jahrzehnten in Europa als gesellschaftskritischer Filmemacher entdeckt worden ist.

Steven Spielberg winkt in die Kamera, rechts neben ihm steht Indiana Jones-Darsteller Harrison Ford.

Bildlegende: Steven Spielberg zeigte 2008 den vierten Teil der Indiana Jones-Reihe als Weltpremiere in Cannes. Reuters

Schon lange träumte Festival-Präsident Gilles Jacob davon, Steven Spielberg als Jury-Präsident zu gewinnen. Dieses Jahr hat es endlich geklappt. Spielberg verbindet einiges mit Cannes. Er selber erinnert sich gerne an die Weltpremiere von «E.T.» am Festival 1982. Die Aufführung des Films im Théâtre Palais Croisette sei ihm noch in lebhafter Erinnerung, sagte er jetzt anlässlich seiner Nominierung zum Jury-Präsidenten.

Erster Karriereschub in Europa

Im Wettbewerb von Cannes lief allerdings nie ein Film von Spielberg – mit einer Ausnahme: «Sugarland Express», Spielbergs erster Kinofilm aus dem Jahr 1974. Für die goldene Palme reichte es damals nicht, aber der Film wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet, an dem Spielberg mitgeschrieben hatte. Viel wichtiger aber – es war der zweite Erfolg von Spielberg in Europa, der seiner Karriere in den USA Schub verlieh.

Ein Jahr zuvor war die Kinoversion des TV-Films «Duel» an zwei europäischen Festivals ausgezeichnet worden. Die Kritiker waren begeistert von dem jungen Amerikaner. Dilys Powell von der «Sunday Times» meinte: Spielberg «ist erst 25 Jahre alt, aber ich glaube, dies ist ein Name, den man sich merken muss.»

Beeindruckt zeigten sich die europäischen Feuilletons von der gesellschaftskritischen Aussage des Films. Ein Lastwagen verfolgt und bedroht auf der Landstrasse einen gewöhnlichen Autofahrer – das lasen viele als Metapher für das kapitalistische Establishment, das den kleinen Mann überrollt.

Jung und sozialkritisch engagiert

«Sugarland Express» bestärkte diesen Eindruck, dass Spielberg kritische Streifen drehte. Der Film erzählt von einer Frau (Goldie Hawn), die ihren Mann aus dem Gefängnis befreit. Die beiden wollen ihren Sohn zurückholen, den ihnen die Behörden weggenommen haben. Ihre Flucht vor der Polizei wird zum grossen Medienereignis und endet tragisch.

Für den Kritiker der «NZZ» gehörte «Sugarland Express» in Cannes zu den US-Filmen, die exemplarisch «ein Zeugnis für die tiefe Verstörung der Vereinigten Staaten» ablieferten. Spielberg sei «unter den jüngeren, durchaus sozialkritisch engagierten Regisseuren Amerikas einer der profiliertesten.»

Kinokasse oder Kritikerlob

Spielberg wurde damit in die Nähe der europäischen Autorenfilmer gerückt, zu denen damals vor allem François Truffaut oder Jean-Luc Godard gehörten. Eine Einordnung, die Spielberg selber eher etwas irritierte. Er selber verstand sich nicht als «auteur». «Man kann nicht alle Instrumente gleichzeitig spielen», meinte er. Als Regisseur beeinflusse er nur einen Teil eines Films. Drehbuch, Kamera, Musik – das alles präge auch entscheidend die Wirkung eines Films.

Zudem freuten ihn zwar die guten Kritiken in Europa (und auch in Amerika), gleichzeitig war er über die schlechten Besucherzahlen von «Sugarland Express» enttäuscht. Denn für seine künftige Karriere war ein Erfolg an der Kinokasse viel wichtiger als das Lob der Kritikergilde.

Spielbergs nächster Film bescherte ihm diesen Erfolg und rückte ihn auch in Europa in ein anderes Licht. «Jaws» («Der weisse Hai») war der gewünschte Kassenschlager und Spielberg wurde in der Wahrnehmung der Kritik zum typischen Vertreter des kommerziellen Hollywoodkinos – niemand suchte mehr nach sozialkritischem Gehalt seiner Filme. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Doch ein «auteur»?

Steven Spielberg gestikuliert auf dem Set umgeben von Robotern in einem Käfig.

Bildlegende: Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu «A.I.», dem Film über einen Roboter-Jungen mit Gefühlen. Keystone

Dabei lässt sich durchaus argumentieren, dass Spielberg dem «cinéma des auteurs» entgegen seinen eigenen Äusserungen immer verbunden war. Sein Credo, dass die Zuschauer im Kino «weinen, wenn ich will, dass sie weinen», zeigt, wie er seine Rolle versteht: Als derjenige, der alle Elemente steuert, die zum gewünschten Effekt führen. Pragmatischer und weniger künstlerisch, als der Ansatz der «auteurs», im Effekt aber sehr ähnlich.

Und auch gesellschaftsrelevante Themen finden sich regelmässig in Spielberg Filmographie: «The Color Purple» - Emanzipation und Rassendiskriminierung; «Schindler‘s List» - Die Judenverfolgung im Dritten Reich; «A.I.» - die ethische Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz oder «Munich» - Gerechtigkeit gegen Selbstjustiz.

Mainstream gegen Arthouse

Spielberg macht aus diesen Themen aber nicht das düstere, tiefgründige Drama, wie das vielleicht ein Europäer tun würde. Kino bleibt Kino für Spielberg, ein Unterhaltungsmedium, dessen erste Aufgabe es ist, die Leute zu begeistern und zu fesseln. Deshalb haben seine Filme für viele zu wenig Tiefgang.

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich Spielbergs Vorstellung von Kino als Jury-Präsident von Cannes spiegeln wird. «The Atlantic» prophezeit schon ein Aufeinanderprallen von zwei Giganten: Der König des Mainstream-Kinos gegen das bedeutendste «Arthouse»-Filmfestival. Ob das ein grundlegender Widerspruch sein muss, das wird sich zeigen, wenn die Jury ihre Gewinner der Palmen von Cannes verkündet.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Regisseur Steven Spielberg, Jurypräsident der 66. Filmfestspiele von Cannes

    Filmfestival Cannes: Steven Spielbergs neue Rolle

    Aus Rendez-vous vom 15.5.2013

    Regisseur Steven Spielberg ist Jurypräsident des 66. Filmfestivals in Cannes. Wie kein anderer kennt er beide Seiten des grössten und wichtigsten Filmfestivals der Welt: Glanz und Glamour des kommerziellen Kinos - und den Kult um den Autorenfilm.

    Michael Sennhauser