Carlos Leal: Der schnelle Rapper wird zum schnellen Schauspieler

Nach Erfolgen als Rapper wurde Carlos Leal zum internationalen Schauspieler. Für die TV-Serie «Der Bestatter» ist er in die Schweiz zurückgekehrt. In der ersten Folge des zweiteiligen Gesprächs geht es um seinen neuen Beruf, um Hip-Hop und um mangelnden Schweizer Mut.

Filmszene: Leal spricht in einem Büro der Polizei mit einer Frau.

Bildlegende: Carlos Leal als Bundespolizist Pedro Lambert in der zweiten Staffel von «Der Bestatter». SRF/Sava Hlavacek

In der zweiten Staffel von «Der Bestatter» spielen Sie einen Bundespolizisten und setzen damit sofort ein anderes Tempo. Mögen Sie generell schnelle Schauspieler?

Für Fernsehserien musst du schnell sein. Denn das Serienformat erlaubt, eine Figur über Stunden und Stunden zu entwickeln. Wenn du also eine Szene spielst, darfst du nicht bereits alles über das Innenleben deiner Figur erzählen. Die Drehbuchschreiber geben nur wenig Information aufs Mal preis, und die Zuschauer wollen eine Entwicklung sehen.

Also sollte man als Schauspieler gar nicht erst versuchen, was weiss ich nicht alles in die Figur zu pressen. Nur ein scheinbarer Widerspruch: Für eine langsame Entwicklung muss man schnell sein als Schauspieler. Zack, zack, und nicht gleich die Stirn in Falten legen und nachdenken.

Ist das auch ein Zeichen der Zeit, die Beschleunigung des Spiels?

Ich würde eher sagen: Man hat mittlerweile die Wahl. Die heutige Generation von Schauspielern geniesst Freiheiten, die jene nicht hatten, mit denen ich aufgewachsen bin.

Welche Freiheiten?

Eine Freiheit im Spiel, Selbstsicherheit vielleicht. Das kann ein Makel sein, im Sinne von Eitelkeit. Aber die Selbstsicherheit ermöglicht auch eine Freiheit der Mittel. Rasch Dinge auszuprobieren, zu improvisieren. Du riskierst Dinge, die dein Spiel plötzlich interessant machen. «Spicy», sagen sie in Kalifornien, «würzig».

Die Schauspieler von heute haben in der Regel auch viel längere Ausbildungen als die alten, die können mit dieser Leichtigkeit spielen. Etwa Ryan Gosling oder James McAvoy. Sie haben einen guten Flow, es ist ein bisschen wie im Rap.

Bei Sens Unik war Ihr Flow, Ihr Rap-Rhythmus, extrem präzise, fast ein Stakkato, «On Top of the Beat», wie man Englisch sagt. Wie ein Schweizer Uhrwerk....

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Carlos Leal mit Sens Unik (10vor10 vom 13.6.1994)

5:22 min, vom 30.12.2013

Stimmt. Aber das hatte in den Anfängen mehr mit französischem Rap zu tun. Und der war so «tak-tak-tak-tak-tak». Aber gut, ich bin weder mit Jazz noch mit Funk aufgewachsen, die eine eher zurücklehnende Art des Rappens nahelegen würden.

Ich bin ein Schweizer Kind und vielleicht hat diese Präzision doch wieder damit zu tun, wer weiss. Auf den späteren Alben ändert sich das, mein Flow wird lockerer. Es ist wie im Schauspiel: Es hat mit Erfahrung zu tun. Man muss wissen, wo das Spiel atmen muss. Pausen, Atmen, das beherrscht man nicht gleich.

Aus diesen Anfängen spricht auch das Klischee des Einwandererkindes: Du musst härter, schneller, präziser Arbeiten als die «richtigen» Schweizer, oder?

Die Secondos mussten viel stärker eine Identität suchen als die Schweizer. Als Jugendlicher denkst du dann: «Wo sind die kulturellen Angebote, die mich ansprechen?» Und als kleiner Spanier findest du sie erst nicht, das ist ein rein psychologisches Moment, denn in Wahrheit hätte es natürlich genug Identifikationsangebote gegeben. Aber du suchst weiter, und findest sie vielleicht im Sport, im Vandalismus, in der Kunst oder in der Musik. Die Hip-Hop-Kultur war mein Lehrmeister, sie integrierte mich in dieses Land.

Für gebürtige Schweizer war es in den 80er-Jahren schwierig, sich mit diesem Land zu identifizieren. Eine Geheimpolizei riesigen Ausmasses flog auf, der Fichen-Skandal, die Waffenlieferungen an Diktatoren. Und dann kamen diese Secondos und wurden die neuen Superschweizer...

Ich habe kein Problem zu sagen, dass ich Schweizer bin, aber ich kenne diese Distanz zum Land dennoch. Und seit ich viel reise, kenne ich auch den nicht mehr so guten Ruf, den das Land im Rest der Welt hat. Wir bräuchten andere Visitenkarten, damit diese schlimmen Klischees über den Rassismus und die Geldfixiertheit der Schweizer mal aufhören, auch wenn das nicht von ungefähr kommt.

Schweizer Design, Architektur, Bildende Kunst, das sind bessere Botschafter dieses Landes als Banken und Armeemesser. Das entspricht diesem Land auch nicht mehr, das muss sich ändern. Und es gibt Bedingungen in der Schweiz, die super Sachen ermöglichen.

Viele Schweizer Kunstwerke, vor allem die Filme, müssen irgendwie von der Schweiz handeln. Das kann man sich in Spanien und Dänemark nicht vorstellen. Almodóvar macht eine Spanienkomödie, Lars von Trier einen Dänenschwank?

In Dänemark fördert auch der Staat den Film, ähnlich wie in der Schweiz. Aber ja, es gibt in Dänemark mehr Mut, was die Freiheit der Themenwahl angeht. Doch ich glaube, dass sich die Dinge in der Schweiz gerade verändern. Die Filme von Ursula Meier zum Beispiel sind sehr subtil. Okay, es gibt in «L'enfant d'en haut» («Sister») jemanden, der Skis stiehlt. Doch das ist nur der Vordergrund, die sozialen Themen haben nichts Schweizspezifisches. Aber es stimmt schon, man muss mutiger werden in der Schweiz, auch bei der Filmförderung.

Wie Carlos Leal vom Rapper zum Schauspieler wurde und wieso er in «Der Bestatter» erstmals einen richtigen Schweizer spielt, erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews am 7. Januar 2014.

Sendungshinweis

Barbara Terpoorten, Mike Müller, Carlos Leal

SRF/Marion Nitsch

Ab dem 7. Januar ist Carlos Leal in den neuen Folgen von «Der Bestatter» an der Seite von Mike Müller und Barbara Terpoorten zu sehen. Die sechs Folgen der zweiten Staffel werden jeweils dienstags um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

Zur Person

Carlos Leal

SRF/Sava Hlavacek

Carlos Leal wurde 1969 in Lausanne als Sohn spanischer Einwanderer geboren. Nach Erfolgen als Rapper mit Sens Unik hatte er 2005 seine erste Filmrolle, 2006 folgte ein Auftritt im Bond-Film «Casino Royale». Er lebte in Paris und Madrid, wo er ein Serienstar wurde. Heute wohnt er mit seiner Familie in Los Angeles.