Mussolinis Filmstadt Cinecittà – das Sodom und Gomorra der italienischen Lebenslust

Mit der Cinecittà wollte Mussolini Hollywood und Babelsberg etwas entgegensetzen. Ein TV-Doku sorgt für Aufsehen – denn sie zeigt, wie die Filmstadt zur Spielwiese der Machthaber wurde.

Szene aus «Cinecittà Babilonia»Marta Jaquier als Alida Valli.

Bildlegende: Eine Doku mit Sprengstoff: Marta Jaquier verkörpert in «Cinecittà Babilonia» Alida Valli. Istituto Luce Cinecittà

  • Eine TV-Dokumentation zur Geschichte der Filmstadt Cinecittà sorgt in Italien für Aufsehen.
  • Gegründet wurde das italienische Pendant zu Hollywood von Mussolini, der das Kino für faschistische Propaganda nutzen wollte.
  • In der Anfangszeit erhielt die Filmstadt vor allem den Ruf als dekadente Spielwiese mächtiger Politiker.

Die italienische TV-Doku «Cinecittà Babilonia» wurde vom italienischen Publikum mit grossem Interesse aufgenommen. Darin erzählt der Filmemacher Marco Spagnoli von den ersten Jahren der 1937 von Benito Mussolini gegründeten Filmstadt am östlichen römischen Stadtrand.

Was sich damals hinter den offiziellen Kulissen abspielte, wurde bisher eher wenig aufgearbeitet. Denn dass die Cinecittà, Inbegriff von Glitzer und Glamour, ein Kind der Ära Mussolini ist, das sähen viele lieber vergessen.

Clara Calamai.

Bildlegende: Leinwand-Diva des Fascismo: Clara Calamai. Imago/Cola Images

Lächelnde Gesichter des Faschismus

Clara Calamai, Luisa Ferida und Doris Durante: Die Geschichte der Cinecittà ist mit dem Aufstieg von acht italienischen Schauspielerinnen verwoben.

Sie wurden dank der Filmstadt Mussolinis zu bekannten Gesichtern, zu Diven des faschistischen Filmschaffens.

Filmemacher Spagnoli lässt an ihrer Stelle acht Nachwuchsschauspielerinnen zu Wort kommen. Was sie sagen, ist Fiktion. Doch der Inhalt des Gesagten beruht auf historischen Dokumenten aus den Jahren 1937 bis 1945.

Dolce Vita der Faschisten

Dabei wird deutlich, dass es schon Jahre vor dem «Dolce Vita» der 1960er-Jahre in Rom hoch her ging – mit allem, was das süsse Leben so ausmacht. Der Hauptort dieses Dolce Vita avant la lettre war die flächenmässig riesige Filmstadt.

Hier gingen, wie Spagnoli nachweist, nicht nur Schauspieler, Komparsen, Regisseure und Kinoarbeiter ein und aus, sondern auch Politiker, römische Prinzen, Bankiers und Drogenhändler.

Die heissesten Parties wurden offenbar in den Filmstudios und hinter den Kulissen gefeiert. Und zwar so ausgelassen, wie es in der Intention des «Duce» Mussolini für seine faschistische Filmstadt eigentlich nicht vorgesehen war.

Die Massen manipulieren

Mussolinis Megainvestition in eine eigene italienische Filmstadt nach US-amerikanischem und deutschem Vorbild hatte eigentlich das Ziel, mit den Mitteln des Kinos die Volksmassen zu beeinflussen und faschistisches Gedankengut zu verbreiten.

Und auch: Die Italiener bei Laune zu halten und auf den bevorstehenden grossen Krieg vorzubereiten, der Italien zu einer mächtigen Kolonialmacht machen sollte. So jedenfalls die Theorie.

Stoff für die Leinwand

Doch die Realität sah anders aus. Marco Spagnoli belegt das mit seiner neuen Dokumentation. Für deren Vorbereitung nutzte er filmhistorische Untersuchungen der letzten Jahre. Seine Doku bringt die Resultate der historischen Forschung auf den Punkt – ohne übertreiben zu müssen.

Spagnoli konnte, was schlüpfrige und neckische Geschichte angeht, aus dem Vollen schöpfen. Die Lovestory zwischen Alessandro Pavolini, dem mächtigen Minister für Volkskultur, und der Diva Doris Duranti war symptomatisch für das Cinecittà der faschistische Jahre.

Partystadt der Mächtigen

Der Minister klagte, offiziell, dekadentes Verhalten lautstark an. Fuhr aber immer wieder nach Cinecittà, auch während seiner Arbeitszeit, um sich dort mit seiner Geliebten zu vergnügen. Dreharbeiten mussten dann ruhen.

Die Filmstadt Mussolinis wurde zu einer Art Selbstbedienungsladen der damals Mächtigen: Hier wurden die Gespielinnen von Politikern und Filmschaffenden untergebracht, gefördert – und hatten ihren Gönnern jederzeit zur Verfügung zu stehen. Für intime Stelldicheins und heisse Partys mit regem Drogenkonsum. Dass die ansonsten strenge faschistische Polizei im Fall Cinecittàs wegschaute, verstand sich von selbst.

Als Babylon verrufen

Diese Dinge drangen auch an die Öffentlichkeit. Schon wenige Jahre nach der Gründung von Cinecittà stand die Filmstadt im Ruf, ein dekadenter Ort der Sünde zu sein.

Doch das schadete der Begeisterung der Italiener, vor und nach 1945, für das heimische Filmschaffen in keiner Weise. Cinecittà war eine Erfolgsgeschichte, von Anfang an.

Propaganda war zweitrangig

Spagnolis Doku wird von vielen in Italien mit einem erheiterten Lächeln aufgenommen. Dass es der italienische Faschismus mit seinen eigenen strengen Moralvorstellungen nicht so genau nahm, das wusste man ja schon vor Kriegsende.

Und so verwundert es nicht, dass von den rund 280 vor 1945 in Cinecittà produzierten Kinofilmen nur etwa zehn rein propagandistischen Zwecken dienten.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 24.04.2017, 12:10 Uhr

«Cinécitta Babilonia»

Der Dokumentarfilm von Marco Spagnoli wurde von der italienischen Filmförderung mitgetragen und auf Rai Uno ausgestrahlt. Er soll auch ins Kino kommen – ein Schweizer Kinostart steht aber noch nicht fest.

Faschismus und die Künste

Faschismus und die Künste

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Das «Dritte Reich» und das Duce-Regime verhielten sich sehr gegensätzlich im Umgang mit den Künsten. Während Hitler alles Moderne als «entartete Kunst» ablehnte, förderte Mussolini etwa die Musik der Avantgarde. Auch der moderne Stil des Futurismus wurde für Propaganda eingespannt.