Christoph Schaub: «Ich suche das Einmalige»

Christoph Schaubs Identität als Filmer begann als Jugendlicher: Er drehte mit seiner Familie einen Super-8-Film in der Bündner Abgeschiedenheit. Der Regisseur schreibt, warum er noch heute dankbar auf diese Zeit zurückblickt.

Der Regisseur Christoph Schaub in weissem Hemd vor einem gelben Hintergrund.

Bildlegende: Mit Filmen das Leben intensivieren: Christoph Schaub. Keystone

Im Alter von 17 Jahren drehte ich zusammen mit meinem Bruder meinen ersten Super-8-Film. Wir verbrachten die Ferien – wie alle Ferien und wie all die Jahre davor – in einem kleinen Haus, in einem engen Tal, im kleinen Bündner Dorf Ausserferrera. Es war Herbst und regnete über Tage in Strömen.

Mein Bruder und ich wollten der Monotonie und Enge des familiären Beisammenseins in einer viel zu kleinen Bauernstube entkommen und beschlossen, einen Super-8-Film zu machen. Es boten sich nicht allzu viele Themen an. So entschieden wir, einen Film über einen Tag im Leben des Ehepaars Fümberger zu drehen. Die Fümbergers hatten einen kleinen Bauernbetrieb, sie betrieben als Posthalter die Poststellte im Dorf und sammelten den Kehricht des Dorfes einmal pro Woche ein.

Mit der Kamera der Langweile entkommen

Mit der Kamera in den Händen wollten wir also unserer Langweile entkommen, und gleichzeitig wollten wir dem immergleichen, langweilig scheinenden Alltag des Ehepaars Fümberger das Spannende abringen.

Mein Bruder und ich machten uns mit der engagierten Mithilfe der Mutter und der kleinen Schwester ans Werk. Dieses Ferienabenteuer war – rückblickend – der Startpunkt meiner Identität als Filmer.

Wenn ich heute über Filme nachdenke, Filme schaue, Filme ausdenke und Filme drehe, sind es immer noch diese Elemente, die mich antreiben: der Langweile entkommen und das Leben intensivieren, das Spannende im Allgemeinen suchen und entdecken, an den Emotionen anderer teilhaben und – ganz wichtig dabei – mit Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten.

Auf der Suche nach dem Einmaligen

Was ich mir auch immer filmisch vornehme, sei es die Emanzipationsgeschichte einer gehörlosen Nonne, die Architektur eines Bauwerks, die Komödie über das Älterwerden oder der Kampf von landlosen Bauern in Indien, alle sind von diesen Kräften angetrieben und bestimmt.

Ich würde heute das Ziel der Suche nicht mehr das «Spannende» nennen, sondern das Unverwechselbare, das Einmalige, das Aussergewöhnliche, das Bewegende, das, was bei mir Gedanken und Gefühle auslöst und etwas in Bewegung setzt, was sich vorher im Stillstand befand. Das Gleiche beabsichtige ich beim Publikum.

So bin ich heute dankbar für diese langweiligen, monotonen Familienferien in dem schattigen, regnerischen, dem Aussterben geweihten 50-Seelen-Dorf und dem solidarischen Geist meiner Geschwister und meiner Mutter.

Sendeplatz

Sonntag, 7. Juli 2013 um 22:05 Uhr auf SRF zwei

«Giulias Verschwinden»,
7. Juli 2013 um 22:35 Uhr, SRF zwei

«Jeune homme – Au pair ist Männersache», 10. Juli 2013 um 20 Uhr, SRF zwei

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