«Die Initialzündung»: Michael Steiner über seinen Karrierestart

Er war jung und gelangweilt vom Schweizer Film. Deshalb drehte Michael Steiner zusammen mit Pascal Walder Mitte der 90er-Jahre selbst einen Film. «Nacht der Gaukler» war ein Projekt mit kümmerlichem Budget, aber hohem Anspruch. Die Filmszene hatte wenig Freude daran.

Michael Steiner (links) mit Kameramann Pascal Walder vor einer Gruppe Leute auf einer Schwarz-Weiss-Aufnahme.

Bildlegende: «Unsere Stärke war unsere Naivität»: Michael Steiner (links) mit Kameramann Pascal Walder in den 90er-Jahren. zvg

«Wir sehen uns!», steht im Abspann von Michael Steiners Frühwerk «Nacht der Gaukler». Und ob: Über eine Million Zuschauer sollte der Regisseur später mit seinen Filmen ins Kino locken. Sein kafkaeskes Schwarz-Weiss-Werk von 1996 dagegen avancierte zum Klassiker und läutete eine neue Ära des Schweizer Films ein.

Herr Steiner, bevor wir uns über «Nacht der Gaukler» unterhalten: Eigentlich stammt ihr Langfilmdebüt aus dem Jahre 1991 und trägt den wunderbaren Titel «Die schwebenden Häuser». Worum ging es dort?

Darin ging es um einen depressiven Künstler. Er malt Bilder, dann geht seine Liebesbeziehung in die Brüche, und schliesslich bringt er sich um. Also ein typischer Schweizer Problemfilm. Ich bin froh, haben wir einen solchen schon zu Karriereanfang hinter uns gebracht. Gedreht wurde er auf Super 8. Pascal Walder machte dort schon die Kamera.

Anschaubar ist der Film jedoch nicht, und damit ist nicht die Qualität gemeint ...

Ja, leider ist der Film verschollen.

Wie kam fünf Jahre später «Nacht der Gaukler» zustande?

Für «Nacht der Gaukler» nahmen wir eine Kurzgeschichte von Pascal Walder und Yves Hofer als Basis. Jürg Brändli hatte «Die schwebenden Häuser» gesehen und meinte: In Sachen Film seid ihr begabt, aber beim Drehbuch seid ihr schlecht. Wir sassen mit ihm mehrmals im Bären (Gasthof in Rapperswil, Anm. d. R.) zusammen und tauschten Ideen aus. Brändli strukturierte sie und verfasste das Drehbuch.

Sie drehten sogar in Budapest.

Eine Freundin von uns kannte eine Freundin, die an der dortigen Filmschule studierte, und die hatte einen guten Draht zur Filmindustrie in Ungarn. Ein Monat Dreh kostete so lediglich 30‘000 Franken. Zuvor hatten wir die Innenaufnahmen in einem selbstgebauten 2000-Quadratmeter-Studio in Jona gedreht.

Sie hatten etwas über 100‘000 Franken für den Film. Wie kam das Geld zusammen?

Durch uns und unsere Eltern. Adrian Frutiger, unser Komponist, trug mit seinem Dekorationsgeschäft und zusätzlichem Kapital ebenfalls dazu bei.

Gefördert wurden Sie nicht?

Doch, wir erhielten finanzielle Unterstützung vom Kino Leuzinger in Rapperswil. Von der Gemeinde Jona bekamen wir 5000 Franken, ebenso von Ruedi Hertach, dem Chefredakteur der «Glarner Zeitung». Aber natürlich nichts von den Filmförder-Institutionen. Wir wussten ja auch nicht mal, welcher Form so ein Gesuch zu entsprechen hat.

Junge Wilde drehen ihren ersten Film «Nacht der Gaukler».

Bildlegende: Junge Wilde drehen ihren ersten Film «Nacht der Gaukler». zvg

Wäre «Nacht der Gaukler» ohne jugendlichen Enthusiasmus überhaupt entstanden?

Niemals. Das Gute war ja, dass es damals in diesem Land ein Vakuum gab. Die Filmschule in Zürich war gerade erst lanciert worden. Eine junge, aktive Filmszene war nicht vorhanden. Zu der wurden irgendwann wir. Ich sehe «Nacht der Gaukler» als Initialzündung des Neuen Schweizer Films. Ohne ihn hätte es wohl kaum «Achtung, Fertig, Charlie!» und auch «Mein Name ist Eugen» gegeben.

Wie waren die Reaktionen auf «Nacht der Gaukler»?

Die Journalisten fanden ihn gut, vor allem aber auch das Publikum. Doch Leute im Filmkuchen meinten, wir graben ihnen mit der No-Budget-Strategie das Wasser ab. Lange war es für uns deshalb sehr schwierig, Projekte zu realisieren. Es vergingen ganze acht Jahre bis zu «Mein Name ist Eugen». Und selbst dieser Film wurde bei einer Förderstelle in erster Instanz zurückgewiesen, weil sie ihn als zu lang für Kinder erachtete.

Junge Wilde drehen den Erstlingsfilm – da haben Sie sicher eine Anekdote auf Lager.

Bei der Explosion musste unser Koch, der Oliver, eine Kamera bedienen. Zuerst einmal verwechselte er die Blende mit der Schärfe. Und dann hat er auch noch geraucht neben dem mit Benzinkanistern gefüllten Auto! Pascal Ulli sagte mir später, wie wahnsinnig froh er war, als das «Action» kam und er davonrennen durfte, bevor Oliver seine Zigarette unachtsam in seine Richtung werfen konnte.

Wenn der Michael Steiner von heute dem Michael Steiner von damals einen Rat geben könnte, wie würde der lauten?

Ich kann an keinen denken. Unsere Stärke war vor allem unsere Naivität. Die habe ich jetzt vielleicht nicht mehr so, weil ich nun weiss, wie es wirklich beim Film läuft.

Vermissen Sie die Naivität?

Nein. Es erlaubt mir eine ganz andere Produktionsweise. Bei «Nacht der Gaukler» drehten wir so langsam, ich wusste gar nicht, dass es schneller möglich ist. Erst später realisierte ich, dass ein optimiertes Setsystem viel Zeitgewinn bedeutet.

Der Film «Nacht der Gaukler»

Der Film «Nacht der Gaukler»

Klaus Koska (Pascal Ulli) ist ein unauffälliger Beamter in einem Überwachungsstaat. Als er eines Tages Zeuge eines Mordes wird, rapportiert er das Verbrechen pflichtgetreu. Jedoch bringt er sich so selbst in das Visier des machthungrigen Justizministers Leon Lubitsch (Hans-Peter Ulli).

Zur Person

Zur Person

Auch wenn sein letzter Film «Das Missen Massaker» floppte: Michael Steiner gehört zu den erfolgreichsten, wenngleich auch kontroversesten Filmemachern der Schweiz. Für «Mein Name ist Eugen» erhielt der im sankt-gallischen Rapperswil aufgewachsene Steiner 2006 den Schweizer Filmpreis.

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