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Film & Serien Dank Pierre Brice wurden Männer zu Blutsbrüdern

Pierre Brice ist in einem Pariser Krankenhaus gestorben. Mit ihm stirbt ein Stück Kindheit für all die Jungs, die um die 1960 geboren wurden. Als die Wiesen nach Büffeln rochen, einfache Stöcke zu silberbeschlagenen Büchsen mutierten und hinterm Baum im Entlebuch oder Baselbiet der Feind lauerte.

Pierre Brice als Indianer mit einem Gewehr.
Legende: Stoisch und schmallippig: Winnetou und Pierre Brice hatten vieles gemeinsam. Keystone

Pierre Brice. Ein Mann. Eine Rolle. Und was für eine. Seine Schmallippigkeit wurde sein Markenzeichen. Viel geredet hat er nie, zumindest in seinen Rollen nicht. Der Bretone Brice verkörperte einen Indianerhäuptling, den Häuptling schlechthin: Winnetou.

Schauspieler und Rolle verschmolzen derart, dass er sie Zeit seines Lebens nie mehr so richtig los wurde. Sie wurde Fluch und Segen zugleich. Brice galt vielen als kein sonderlich virtuoser Schauspieler. Da er sich in frühen Jahren als Modell durchgeschlagen hat, wurde er zu Beginn seiner Karriere als sprechender Kleiderbügel unterschätzt. Dass das einerseits mit einer gewissen persönlichen Scheu zu tun hatte aber nichts mit seinem schauspielerischen Talent, blieb lange verborgen. Seine Karriere tat ihr Übriges. Winnetou war genau dieser stoische Charakter, Sprechen der Ausnahmezustand.

«Howgh! Bruder. Frieden.»

Lange Blicke seiner grünen Augen auf den Horizont, diese coole Bewegung, mit der er mit dem ausgestreckten Arm und der Hand über den Horizont strich, als wolle er die ganze Welt besänftigen, das war Winnetou. Kein Geschwafel sondern der Hang zur ganz grossen Geste. Die Ruhe, die Gelassenheit, wenn ihn der Wind umstrich und seine Augen heller schienen als die Sonne.

Seine Begrüssungsgeste wurde Kult: Wenn er mit der rechten waffenlosen offenen Hand einen Kreis beschrieb und nur sagte: «Howgh! Bruder. Frieden.»

Und zuhause vor den ersten Fernsehgeräten nickten alle in kurzen Hosen, nachdem schon zehn Millionen im Kino geheult hatten, wie Schlosshunde, sie verdrückten am Ende des «Silbersees» eine Träne im Knopfloch, rannten hinaus mit Indianergeheul über verregnete Strassen, stellten sich auf den Misthaufen oder die nächste Tolle, wähnten sich im staubigen Westen und streckten den Arm aus gen Horizont und wurden auf einmal innerlich ganz ruhig und weit. Auch die Mädels waren hin und weg, wegen ihm und wegen Nscho-tschi.

Legende: Video Karl-May-Festspiele 1980 (Karussell) abspielen. Laufzeit 05:08 Minuten.
Aus Kultur vom 06.06.2015.

Winnetou und Ché Guevara

Kinderzimmer wurden umgerüstet, der Bravo «Starschnitt» hing an vielen Wänden und wurde erst vom Ché Guevara Poster abgelöst. Pierre Brice ist ein Teil der 60er- und 70er-Jahre. Das Wort «Männerfreundschaft» verlor seinen dumpfen militanten Klang, ab Winnetou kämpften Männer für Frieden, zumindest wenn man damals sechs Jahre alt war. Männer wurden Blutsbrüder. In wohl jeder Biografie erinnert man sich an die Standpauke eines Elternteils, das bloss sein zu lassen, sich mit einem Messer in den Unterarm zu schneiden.

Die Rolle seines Lebens aber kein Leben für die Rolle

Pierre Brice sah einfach zu gut aus – Zeit seines Lebens. Und er alterte auch noch derart stylisch, dass er in frühen Jahren allen Jungs zur Kultfigur reichte und in fortgeschrittenem Alter alle reiferen Damen an verwegene Zeiten zurückdenken liess. Als man ihn im Film sterben liess, löste das eine derartige Protestwelle aus, dass Fortsetzungen her mussten. Winnetou blieb die Rolle seines Lebens, egal ob im Film oder auf der Bühne, die spielte er auf verschiedenen Freilichtbühnen erst in Elspe, nachher in Bad Segeberg, fast bis in die 90er-Jahre, anfänglich noch mit deutlich hörbarem französischen Akzent, am Schluss sprach der Apache ein gepflegtes Norddeutsch.

Pierre Brice war wohl ein stiller Mensch, wandelte als wortkarge Rothaut durch die Zeit und kaum etwas erzählt davon, dass er als Pubertierender bei der Résistance war, Bretonen aus Lebensgefahr rettete. Zeit seines Lebens hielt er sozial und politisch mit seinem Engagement nicht hinter dem Berg, egal ob er sich für den Tierschutz einsetzte, als UNESCO-Botschafter auftrat oder bei «Wetten dass...» für ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land sammelte. Pierre Brice hatte auch diese Seite. Ein paar bessere Filme hätte man ihm gewünscht. Er spielte auch Seichtes in Serien, Boulevard auf Tourneebühnen. Egal. Da ist genug, was bleibt, mehr als genug. Jetzt ist er tot, nein, er ist in den ewigen Jagdgründe: «Howgh, Bruder, Frieden!»

Sendung: SRF 4 News, 6.6.2015; 12:00 Uhr.

Sendehinweis

Zu Ehren von Pierre Brice zeigt SRF 1 den ersten Teil der Winnetou-Trilogie. Heute um 21:50 Uhr.

19 Kommentare

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  • Kommentar von Original Peter Hänsenberger, St. Gallen
    Herzlichen Dank, das ich in meiner Kindheit und auch später solche Wunderschöne Winnetou Filme konnte sehen und geniessen. Winnetou Pierre Brice. 6. Februar 1929 6. Juni 2015 Ruhe in Frieden. Die Erinnerung ist das einzige wo uns keiner nehmen kann. In stillem Gedenken an die Familie und Angehörigen und Freunde, möchte ich mein allerherzlichstes Beileid und mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Diese Nachricht ist leider keine Überraschung, weil Pierre Brice nicht mehr so gesund war, aber sie schmerzt trotzdem. Was viele nicht wissen: Die Karl-May-Verfilmungen rund um die Plitvitzer Seen im heutigen Kroatien hatten eine ganz besondere Aura. So blieben Pierre Brice, Lex Barker, Marie Versini (Nscho-tschi), Mario Adorf (Santer), Stewart Granger usw. auch nach dem Ende der Dreharbeiten im Jahr 1969 immer miteinander verbunden. Ja, auch Adorf und Brice waren immer gute Freunde.
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  • Kommentar von m.altwegg, niederhasli
    Auch die Filme "Unter Geiern" und "der Ölprinz" habe ich in guter Erinnerung...muss ich mal wieder schauen. Ein äusserst interessanter Mensch; hätte ihn gern kennengelernt.
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