Das elende Ende einer Nymphomanin

Nach dem Marketing-Rummel um seine Sexszenen entpuppte sich Teil 1 von Lars von Triers «Nymph()maniac» als augenzwinkernd erfreulicher Essay über Triebe, wachsende Wünsche und unstillbare Sehnsucht. Die Provokationen und das sprichwörtliche böse Ende hat der Däne für Teil 2 aufgespart.

Ein professioneller Dominator (Jamie Bell) hält das Kind von Joe (Charlotte Gainsbourg).

Bildlegende: Jamie Bell spielt einen professionellen Dominator, der Joe (Charlotte Gainsbourg) fesselt und prügelt. Ascot Elite

Vor einem Monat kam der erste Teil von Lars von Triers «Nymph()maniac»-Film in der Deutschschweiz ins Kino. Charlotte Gainsbourg spielt die Nymphomanin Joe, welche eine Art Lebensbeichte in Rückblenden ablegt. Stellan Skarsgård ist Bildungsbürger Seligman, der ihr dabei zuhört.

Da waren die Ebenen noch klar: Tracy Martin spielte die junge, hoffnungsvoll entdeckungsfreudige Joe und Charlotte Gainsbourg die zerschlagene, von der eigenen Schlechtigkeit überzeugte ältere Joe im Krankenbett bei Seligman.

Abschied von der Leichtfüssigkeit

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Trailer zu «Nymph()maniac, Part 2»

1:50 min, vom 2.4.2014

Während Teil 1 befreiend wirkte, witzig und bisweilen fast leichtfüssig mit der jungen Joe, welche zunächst spielerisch und dann immer besessener ihre Sexualität ausreizte, greift Lars von Trier nun in Teil 2 zu den Knüppeln der Provokation, der Schuldgefühle und des Grotesken.

Zu Beginn von Teil 2 wird Joe in ihren erzählenden Rückblenden noch von der jungen Tracy Martin gespielt. Dann aber zieht sie nach Jahren wilder serieller Promiskuität mit ihrem Entjungferer und Schicksalsmann Jerôme zusammen – gespielt von Shia LaBoeuf.

Genüssliche Provokation

Und in diesem eheähnlichen Arrangement, in dem sie sogar ein Kind zur Welt bringt, verliert Joe plötzlich jegliche Lustempfindung. Fortan sucht sie immer extremere Stimulation und wird nun von Charlotte Gainsbourg gespielt – für Lars von Trier die Gelegenheit, mit ihr, wie schon in «Antichrist» von 2009, genüsslich zu provozieren.

Charlotte Gainsbourg (Joe), halbnackt, mit zwei Schwarzen mit nackten Oberkörper.

Bildlegende: Sex im Hotel mit zwei Fremden. Ascot Elite

Unter anderem lässt sich Joe von einem professionellen Dominator (gegen den Strich besetzt: Jamie «Billy Elliott» Bell) fesseln und prügeln. Sie lädt einen wildfremden Afrikaner zum Sex ins Hotel und findet sich dort zwischen gleich zwei enorm erigierten, wild diskutierenden schwarzen Männern wieder – bloss, um sich eingeschüchtert gleich wieder davon zu stehlen, bevor sich die beiden einigen können, welche von Joes Körperöffnungen ihrer jeweiligen persönlichen Präferenz zuträglich und würdig wäre.

Das ist dermassen grotesk inszeniert, dass man das Gefühl bekommt, in dieser Szene sei das Prinzip des Films perfekt umgesetzt: Es wird eine Fotogelegenheit geschaffen, die ausgesprochen werbewirksam eingesetzt werden kann (und wurde) und dann verpufft in der Szene selbst die Provokation in Ironie.

Niederschmetternde Strafe

Es ist die Grundformel von «Nymph()maniac»: Lars von Trier spielt Männer-, Frauen- und vor allem wohl auch seine eigenen Schuldphantasien durch, bis es schmerzt – durchaus auch vor Lachen, falls man so disponiert sein will.

Allmählich entsteht der Eindruck, der Regisseur hätte mit dem zweiten Teil seines Films auf groteske Art sich und sein Publikum dafür bestrafen wollen, dass Teil 1 so befreiend und beflügelnd ausgefallen ist.

Der finale Hammer ist denn auch folgerichtig die Schlussszene von Teil 2, welche niederschmetternder gar nicht sein könnte.

Zwei Teile, ein dramatisches Ganzes

Und doch ringt mir auch dieser zweite Teil von «Nymph()maniac» grummelnde Bewunderung ab. Das ist gekonnt erzählt, raffiniert verschränkt und als Mischung von Grand Guignol, Selbstparodie und Psychodrama kaum zu überbieten.

Es ist tatsächlich so: Auch wenn «Nymph()maniac, Part 2» die Freude über Teil 1 zunächst gezielt zerschmettert, so fügen sich die beiden Filme in der Erinnerung doch zu einem eindrücklichen, manchmal selbstironischen, vor allem aber dramatischen Ganzen.

Der Hauptunterschied dieses forcierten Lars-von-Trier-Unternehmens zu David Lynch und insbesondere dessen Meisterwerk «Blue Velvet» von 1986 besteht darin, dass Lynch damals souverän mit Sex und Gewalt und Komik zu schockieren verstand, weil er wie ein lächelnder Zeremonienmeister die Verklemmtheiten seines Publikums ausreizte. Lars von Trier reizt seine eigenen Dämonen. Und die sind ihm offensichtlich noch immer nicht ganz geheuer, unzureichend gebannt in diesem komischen Verschlag aus bildungsbürgerlichen Barrikaden und entwicklungspsychologischen Gemeinplätzen.