Das Filmfestival in Annecy ist bunt und macht pappsatt

Annecy ist wie die grosse Völlerei. Annecy – das ist das grösste und wichtigste Animationsfestival der Welt. Filme am Laufmeter, fast eine Woche lang. Nach sechs Tagen ist man satt und platt, Übersättigung macht sich breit und die Verdauung braucht Zeit.

Bunte Torte und Pinguin

Bildlegende: Animationsfilm satt in Annecy. ZVG / Filmfestival Annecy, Disney Productions

Was die Sache nicht vereinfacht, ist, dass bei diesem sechstägigen Gelage immer an mehreren Tischen gleichzeitig aufgetragen wird. Dabei sind die einzelnen Gänge – oder Programme – nicht aufeinander abgestimmt. Da, wie bei Animationsfestivals üblich, die Kurzfilme im Zentrum stehen, gleichen die meisten Programme Häppchen-Tellern mit bis zu einem Dutzend unterschiedlichster Kreationen. An welche Tische man sich setzt, ist letztlich mehr davon bestimmt, worauf man verzichten muss, als worauf man Lust hätte. Was man zu verkosten vermag, ist in jedem Fall fragmentarisch.

Zwei Kosmonauten in weissen Raumanzügen

Bildlegende: Zwei Freunde lost in space, aber am Schluss wieder glücklich vereint. ZVG / Filmfestival Annecy, Konstantin Bronzit

Schlicht überzeugend

Das Tröstliche: zu kurz kommt man eigentlich nie. Neben vielem, das einem nicht wirklich schmeckt, gibt es immer auch Leckerbissen oder andere Genüsse, die einem in irgendeiner Weise zu bewegen vermögen. Manchmal stellt sich am Ende heraus, dass man mit seinen Empfindungen nicht allein ist und einer der persönlichen Favoriten einen Preis gewinnt.

So geschehen auch dieses Jahr mit dem «Cristal d'Annecy» für Kurzfilme: «We Can't Live Without Cosmos» (Wir können nicht ohne Kosmos leben). In höchstem Masse witzig, erzählt er von der unzertrennlichen Freundschaft zweier Kosmonauten, von denen der eine bei seinem Erstflug ins All plötzlich von den Kontrollschirmen verschwindet, und wie sie auf mysteriöse Weise wieder zusammenfinden. Mit Humor, Tragik und starken Gefühlen in einer makellosen, wenn auch konventionellen Inszenierung vermochte der Russe Konstantin Bronzit zu überzeugen.

Animationsfilm, Mädchen allein im Wald

Bildlegende: Eine Geschichte aus dem spanischen Bürgerkrieg, die genauso auch heute spielen könnte. ZVG / Filmfestival Annecy, César Díaz Meléndez

Eine Schreckensgeschichte aus Spanien

Nicht prämiert, nicht lustig, aber umso stärker setzte der Spanier César Díaz Meléndez einen Akzent in Sachen Umgang mit Gefühlen: Im nur drei Minuten kurzen Film «Zepo» schockte er das Publikum mit einem unglaublichen Gewaltakt zweier Zivilgardisten an einem Mädchen zu Zeiten des spanischen Bürgerkriegs.

Schnörkellos mit Sand auf einem Leuchttisch gezeichnet und Bild für Bild animiert, erinnerte er daran, was passieren kann, wenn sich die Ordnungsmacht in einem gewalttätigen Konflikt an keine Regeln mehr hält.

Träume und Wirklichkeiten

Anders als gemeinhin erwartet muss Animation in der kurzen Form aber nicht unbedingt belehren. Nicht einmal eine Geschichte im literarischen Sinn ist zwingend. Wie bei Musik, Tanz oder Poesie liegt eine ihrer Stärken im Potential, ein sinnliches Erlebnis zu gestalten, das ohne Umweg über den Verstand direkt die Empfindungen anspricht.

Wie zum Beispiel der in Genf lebende Italiener Mauro Carraro mit «Aubade»: mit seinen kraftvollen Impressionen beschwört er die Stimmung herauf, welche die real stattfindenden frühmorgendlichen Konzerte am Ufer des Lac Léman auszeichnet. Der Film war schon in Solothurn und letztes Jahr am Fantoche in Baden zu sehen.

Surrealistischer Schlafwandler

Oder Theodore Ushev, der in «Sonámbulo» seine Kindheitserfahrung als Schlafwandler in einen verspielten Reigen von Figuren und Motiven umsetzt, die einem Katalog surrealistischer Künstler entsprungen zu sein scheinen. Mit anderen Worten, Kraftnahrung für die Seele.

Annecy wirft immer auch einen Blick in die Zukunft, in Form von Projektwettbewerben und «Work in Progress»-Präsentationen. Dieses Jahr sind da die beiden Schweizer Beiträge aufgefallen: Das Kurzfilmprojekt «Vent de fête» von Marjolaine Perreten wurde mit einem namhaften Herstellungsbeitrag und einer sogenannten Residenz prämiert, das Langfilmprojekt «Ma vie de courgette» von Claude Barras mit einem Preis, der den Verleih in Frankreich unterstützt.

Vorschau

Vom 1. bis 6. September findet in Baden das 13. Internationale Animationsfestival Fantoche statt, bei welchem etliche der Filme von Annecy (z.B. «We Can't Live Without Cosmos», «Zepo») und viele mehr zu sehen sein werden.

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