Der Blick in die verschlossene Welt streng gläubiger Juden

«Fill the Void» ist der erste Spielfilm von Rama Burshtein. Sie ist streng gläubige Jüdin und lebt in der orthodoxen chassidischen Gemeinschaft in Tel Aviv. Ihr Film gibt einen seltenen Einblick in eine normalerweise hermetisch abgeschlossene Welt. Er ist schlicht grossartig.

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«Fill the Void» (IL 2012)

0:52 min, aus Box Office vom 17.3.2013

Der Plot ist schnell erzählt: Die 18-jährige Shira ist die jüngste Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie in Tel Aviv, sie soll mit einem gleichaltrigen Mann verheiratet werden, alles ist arrangiert. Sie freut sich, doch dann stirbt ihre ältere Schwester bei der Geburt des ersten Kindes. Wo gerade eben noch Freude war, ist die Trauer gross.

Rama Burshtein ist streng gläubige Jüdin und lebt in dieser orthodoxen chassidischen Gemeinschaft in Tel Aviv. Vor ihrem Eintritt in die religiöse Gemeinde studierte die gebürtige New Yorkerin Film. Sie ist etwas überrascht worden vom Erfolg ihres Filmes, die 45jährige Frau aus Tel Aviv. In der Lobby eines Zürcher Hotels, das auch koscheren Service anbietet, sitzt die Frau im schwarzen Satinkleid, ein leuchtend oranges Tuch um den Kopf gebunden, der ausdrucksvolle Goldschmuck an Händen, Hals und Ohren glänzt.

Eine Frau, die Geschichten erzählt

Rama Burshtein erzählt, wie sie neulich zu einem Podiumsgespräch eingeladen war, da sassen mit ihr drei andere Frauen. Die, so Burshtein, hätten ihr ungemein Eindruck gemacht. Das seien engagierte Frauen gewesen, Kämpferinnen für wichtige Sachen. Sie selber habe sich etwas unwohl gefühlt, sie sei doch eine ganz einfache Frau, eine, die halt Geschichten erzählen könne.

Schaut man den ersten langen Spielfilm an, den die Regisseurin gedreht hat, mag das wie Koketterie wirken. Denn «Fill the Void» ist ein beachtliches Werk, eine Liebesgeschichte, die sowohl Tiefgang als auch Humor hat, eine Geschichte über das Leben, wunderschön bebildert, grossartig gespielt. Es ist das Werk einer Filmemacherin, die weiss, was sie tut.

Gruppenaufnahme von vier Frauen

Bildlegende: In dieser Welt üben Frauen für gewöhnlich keinen Beruf aus. Filmcoopi

Film ist Frauensache

Rama Burshtein ist keine Vollzeit-Regisseurin. In der chassidischen Gemeinschaft, in der sie lebt, üben Frauen keine Berufe aus und sie sind schon gar keine Filmemacherinnen, die Filme für die «Aussenwelt» drehen. Aber die Schauspielerinnen und Schauspieler in Burshteins Film sind keine orthodoxen Juden. Denn in ihrer Gemeinschaft, erzählt die Regisseurin, würden Männer und Frauen nie gemeinsam vor der Kamera stehen.

Es gibt auch innerhalb der orthodoxen Gemeinde in Israel eine kleine Filmszene – und für die hat Rama Burshtein auch schon einige kleinere Projekte gedreht. Aber die Filmindustrie ist ganz in Frauenhand: Frauen drehen Filme für Frauen und nur Frauen spielen mit. Männer – so Burshtein – kümmern sich in der Gemeinschaft nicht um Kunst, um Film. Das sei ein Konzept, das nicht existiere.

Für Rama Burshtein aber, so spürt man im Gespräch, ist diese orthodoxe Frauenfilmszene nicht spannend. Die Geschichten, so sagt sie, seien extrem limitiert, immer müsse alles schwer melodramatisch sein. Und ohne Männer liessen sich auch keine wirklich guten Geschichten verfilmen.

Vier Chasside beim Essen

Bildlegende: Eine Geschichte aus der chassidischen Welt - für einmal ohne Politik. Filmcoopi

Kulturelle Stimme der Chassidim

Die politische Stimme der orthodoxen Juden in Israel sei sehr laut, sagt Burshtein. Und über Konflikte und Begegnungen mit der Aussenwelt gebe es auch viele Filme, viel Literatur. Sie aber habe der chassidischen Kultur eine Stimme geben wollen, habe eine Geschichte aus ihrer Welt erzählen wollen, ohne immer die Politik oder die Begegnung mit der säkularen Welt zu thematisieren. Und so hat die Filmemacherin diesen Liebesfilm gedreht.

Ein Film für die «Aussenwelt»

Dass Burshtein überhaupt Filme dreht und nun ein Filmprojekt für die «Aussenwelt» gemacht hat, hängt auch mit ihrer Biographie zusammen. Ihre Familie war überhaupt nicht religiös. Geboren ist sie in New York, ihr Vater war israelischer Seemann, ihre Mutter Amerikanerin.

So verbrachte Burshtein ihre Kindheit und Jugend auf beiden Kontinenten: in Israel und in Amerika. Schliesslich studierte die junge Frau Film in Jerusalem und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, ein religiöses Leben zu führen. Das habe sie weder spirituell noch ästhetisch überzeugt.

Eine spätere Begegnung brachte sie dann aber in die chassidische Gemeinschaft von Tel Aviv. Und wenn sie vom Leben in dieser von strengen Regeln und Ritualen geprägten Gesellschaft erzählt, glaubt man ihr, dass sie darin glücklich ist.

Aber sie ist auch glücklich darüber, dass sie mit ihrem Film «Fill the Void» ein Fenster zur Aussenwelt geöffnet hat. Das verschafft nicht nur der Welt einen Einblick in diese hermetische orthodoxe Gesellschaft, sondern auch Rama Burshtein den Kontakt zu früher, zur «Aussenwelt», wie sie den Rest der Welt selber nennt.

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