«Der Islam wird unterdrückt» – Regisseur Sissako über «Timbuktu»

2012 besetzen Dschihadisten Timbuktu und beherrschen die malische Hauptstadt mit ihrem Schrecken. Abderrahmane Sissako hat darüber einen Film gedreht. Im Interview erzählt er, warum er Betroffene als Darsteller gewählt hat. Und spricht über die mangelhafte Berichterstattung westlicher Medien.

Ihr Film ist eine Art Parabel, vieles hat symbolhaften Charakter. Beispiel: Weil die Befehlshaber Fussballspielen verboten haben, spielen die Kinder ohne Ball – eine Szene des stummen Widerstands. Warum haben Sie diese poetische Form gewählt?

Abderrahmane Sissako: Diese Form war für mich wichtig. Denn im Kino wie auch in den Medien gibt es eine Art Banalisierung der Gewalt. Die Gewalt wird auf drastische, spektakuläre Art gezeigt. Genau das wollte ich vermeiden. Ich wollte eine Distanz schaffen, um meine Inhalte besser zu vermitteln und sensibilisieren zu können.

Sie haben mit Laiendarstellern aus der Region gearbeitet. Wie war es für diese Menschen, im Film die Konflikte und das Leiden darzustellen, das sie aus ihrem eigenen Leben kennen?

Ich kam auf Laiendarsteller, weil es ja kaum professionelle Schauspieler aus der Region gibt. Einige der Darsteller waren selber auf der Flucht vor den Dschihadisten. Die Darstellerin des jungen Mädchens etwa fand ich in einem Flüchtlingscamp in Mauretanien. Alle Darsteller waren auf ihre Art betroffen und sehr interessiert daran, ihre eigene Geschichte zu erzählen, an einem Film mitzuwirken, der von ihnen selbst handelt. Das war für die Menschen wichtig, ich spürte ein ganz spezielles Engagement.

Sie porträtieren die Dschihadisten als unsichere, gespaltene, zweifelnde Personen. Was sind das für Menschen in Ihren Augen?

Ich kann nicht generell definieren, was einen Dschihadist ausmacht. Jeder ist auf seine Art in diesen Strudel geraten. Aber mir war wichtig, niemanden zu dämonisieren. Natürlich, was geschieht, ist monströs, inakzeptabel, aber die einzelnen Individuen sind Menschen wie wir alle, denen man das Menschliche, eben auch den Zweifel, die Schwachheit, nicht absprechen darf.

Sie zeigen den Widerstand der Einwohner von Timbuktu gegen die Besetzer – stellvertretend für alle Menschen in Gegenden, wo die Dschihadisten auf dem Vormarsch sind. Was kann der Einzelne ausrichten?

In allen Konflikten, in denen die Bevölkerung unter eine fremde Macht gerät, gibt es Widerstand. Die Menschen haben ja keine Wahl, sie müssen der Situation täglich die Stirn bieten, der Gewalt und den Absurditäten trotzen. Der Widerstand wird auch häufig von den Frauen getragen, die ihre Ablehnung offen zeigen, wie etwa die Fischverkäuferin im Film, die sich weigert, bei der Arbeit Handschuhe zu tragen, wie es die Dschihadisten verlangen.

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Ausschnitt aus «Timbuktu»

0:45 min, vom 15.5.2014

Diesen alltäglichen Widerstand gab es, auch wenn man in den westlichen Medien wenig davon sprach. Dort dominierten die Meldungen über europäische Geiseln – dabei wurde hier doch ein ganzes Volk in Geiselhaft genommen. Drum war es mir wichtig, den Blick auf den täglichen Kampf der anonymen Menschen in Timbuktu zu lenken – und damit auf ihre Würde und ihren Mut.

In Afrika sterben Tausende durch die Angriffe des IS, aber der Westen konzentriert sich auf das Schicksal einiger westlicher Geiseln.

Ja, das ist ein grosses Problem. Denn wenn es einem Teil der Menschheit schlecht geht, dann geht es der Welt an sich schlecht. Es gibt keinen Konflikt, der geografisch zu weit weg wäre, als dass er uns nichts angehen würde. Wir sind immer betroffen. Natürlich ist es so, dass wir uns umso mehr mit den Opfern identifizieren, je mehr sie uns gleichen. Weil sich der Westen nicht mit Afrika identifiziert, schaut man nicht hin – und ist überrascht, dass religiöse Extremisten plötzlich in Timbuktu am Ruder sind

Was möchten Sie als afrikanischer Filmemacher im Westen mit Ihren Werken erreichen?

Ich möchte aufzeigen, dass es ein grosses Vorurteil ist, zu meinen, der Islam unterdrücke uns. In Tat und Wahrheit ist es nämlich umgekehrt: Der Islam wird unterdrückt. Und zwar von jenen Menschen, die sich zwar Muslime nennen, die aber keine wirkliche Religion ausüben, denn Religion und Gewalt gehen nicht zusammen. Religion heisst vielmehr Mitgefühl und Akzeptanz auszuüben, und nicht über Leben und Tod herrschen.

Es braucht einen Aufschrei in der muslimischen Glaubensgemeinschaft, damit sie sich von dieser Gewalt in ihrem Namen distanziert und klar Stellung dagegen bezieht. Aber auch ausserhalb der islamischen Welt muss man sich besinnen und nicht diesem Amalgam von Klischees huldigen, der Islam sei eine gewalttätige Religion. Meine Aufgabe als Künstler ist es, hier anzusetzen und an einer harmonischeren Zukunft zu arbeiten. Denn die Angst muss aufhören, auf beiden Seiten.

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Der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako gewann mit «Timbuktu» am Filmfestival in Cannes 2014 den Preis der ökumenischen Jury. Zudem steht der Film auf der Short-List für den Oskar.

Kinostart in der Schweiz ist der 18. Dezember.