«The Other Side of the Wind» Der Unvollendete von Orson Welles – eine Odysse geht zu Ende

Mit «The Other Side of the Wind» wollte Orson Welles neue Massstäbe setzen. Er scheiterte, der Film wurde nie fertiggestellt. Jetzt soll er doch noch vollendet werden.

Orson Welles ist seit über 30 Jahren tot. Nicht nur deshalb schien es kaum mehr möglich, dass die über 1000 Filmrollen seines unvollendeten Werks «The Other Side of the Wind» je zu einem stimmigen Film verarbeitet würden.

Jetzt wagt sich der Streaming-Anbieter Netflix an die Produktion. Ein Blick zurück in die Geschichte des Films zeigt, was die Fertigstellung verhinderte und was uns erwartet, sollte der letzte Welles Film tatsächlich noch das Licht der Leinwand und des Bildschirms erblicken.

Die Geschichte: Ein Filmemacher rennt dem Erfolg hinterher

Orson Welles mit ernster Mine.

Bildlegende: Ein Handlungsstrang war zu wenig. Orson Welles setzte seinen Film wie eine Kollage zusammen. Getty Images

In «The Other Side of the Wind» stichelt Welles gegen die Filmindustrie: Darin kehrt der Filmemacher Jake Hannaford nach Hollywood zurück. Mit einem experimentellen Film will er an alte Erfolge anknüpfen. Das geht schief.

Eingebettet in die Haupthandlung zeigt Welles den Film Hannafords als einen Film im Film. Es ist Welles‘ Seitenhieb auf den italienischen Regisseur Michelangelo Antonioni.

«The Other Side of the Wind» ist aufgebaut wie eine Kollage im Stil eines Mockumentarys. Welles erzählt die Geschichte in verschiedenen Stilen: Einige Szenen sind in Farbe gedreht, andere in Schwarz-Weiss. Mal bewegt sich die Kamera, mal ist alles statisch.

Die Produktion: so verschachtelt wie der Film

John Houston raucht einen Stumpen.

Bildlegende: John Houston spielt in «The Other Side of the Wind» einen Ernest-Hemingway-Verschnitt. Getty Images

Die Idee für den Plot kam Orson Welles schon nach dem Suizid von Ernest Hemingway 1961. Hemingway war das Vorbild für den Filmemacher Hannaford.

Wie bei Orson Welles‘ Filmen entstand auch «The Otherside of the Wind» nicht in einem Wurf. Der Film wurde Stück für Stück zwischen 1970 und 1976 gefilmt.

Die Probleme: der fast ewige Kampf um Geld und Rechte

Beatrice Welles auf einem Schaukelstuhl.

Bildlegende: Wem gehört was, wenn wer Tod ist? Beatrice Welles stritt sich mit Welles letzter Lebensgefährtin um die Filmrechte. Getty Images

Welles finanzierte seinen Film mit Geldern eines Schwagers des iranischen Schahs. Doch dieser wurde 1979 gestürzt.

Es entbrannte ein Streit über die Filmrechte. Irans neue Regierung liess den Film beschlagnahmen. Sie entschieden jedoch, dass das Material wertlos sei.

Filmplakat: The Other Side of the Wind

Bildlegende: Vielleicht schafft Netflix, was Freunde, Familie und Fans von Orson Welles jahrzehntelang versuchten. Royal Road Entertainment

Damit war das Seilziehen um den Film nicht vorbei. 1985 starb Welles. Tochter Beatrice Welles stritt daraufhin mit Oja Kodar um die Rechte am Film.

Kodar war nicht nur Welles‘ Lebensgefährtin. Sie war die Co-Autorin und spielte eine Schauspielerin des Films im Film.

Die Plagiatsvorwürfe: Klauen beim Meister?

Allen Problemen zum Trotz: Oja Kodar wollte «The Other Side of the Wind» fertigstellen. In den 1980er- und 1990er Jahren führte sie einen Rohschnitt des Films namhaften Regisseuren vor und bat um ihre Hilfe.

Die Star-Regisseure lehnten ab. Darunter: Steven Spielberg, Oliver Stone, Clint Eastwood und George Lucas. Lucas habe den Film für das breite Publikum zu avantgardistisch gefunden.

Kodar warf später Stone und Eastwood vor, Ideen aus dem Rohschnitt gestohlen zu haben. Sie erkannte in Eastwoods «Unforgiven» und Stones «JFK», «Nixon» und «Natural Born Killers» Dialoge und Schnitttechniken wieder.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kulturnachrichten, 15.03.17, 7:02 Uhr