Der Vater, der Sohn und das Schicksal: Jacques Audiards Kino

Mit 63 Jahren ist Regisseur Jacques Audiard ein Urgestein. Das Werk des Parisers atmet den Geist von gestern. Gleichzeitig aber ist ganz dem Jetzt verpflichtet: Seine Filme haben die Dringlichkeit eines abgeschossenen Projektils.

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5 Fragen an Jacques Audiard

5:49 min, vom 2.11.2015

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Jacques Audiard als Bindeglied zwischen Frankreichs grosser Kinovergangenheit und dem aktuellen französischen Filmschaffen steht. Als Sohn von Michel Audiard (1920 bis 1985), der für Stars wie Jean Gabin und Jean-Paul Belmondo eine Menge erfolgreicher Drehbücher schrieb, bekam er Papas Kino quasi in die Wiege gelegt. Die wechselvolle Beziehung zum Vater war prägend und gab jene Vater-Sohn-Thematik vor, die in praktisch all seinen Filmen eine zentrale Rolle spielt.

Anziehung und Abstossung

Zunächst war da der Versuch, sich vom Vater und dessen (Film-)Welt an die Sorbonne abzusetzen, um dort Philosophie zu studieren. Doch der Lockruf des Kinos war zu stark. 1976 startete er als Cutter für Roman Polanski. Später, zurück im Bannkreis des Vaters, verfasste er mit ihm die Drehbücher zu Belmondos «Der Profi» (1981) und zum Genre-Klassiker «Das Auge» (1983).

Nach Michels Tod im Jahre 1985 schrieb Jacques Audiard weiter, inszenierte bald auch und arbeitete sich so aus dem Schatten des Vaters. Seine Wurzeln, die vom alten Audiard vermittelte Liebe zur Literatur und die Affinität zum altmodischen Genrefilm, hat der junge Audiard gleichwohl nie verleugnet.

Der Underdog

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Auschnitt aus «Der Prophet»

2:02 min, vom 25.10.2015

Das zeigt sich bei seinen sieben Spielfilmen, die sich allesamt auf die Idee des klassischen Bildungsromans beziehen. Dabei folgt Audiard meist einem jungen Underdog, der seinen Weg in einer als unerbittlich gezeichneten, nach den Regeln der Väter organisierten Welt zu finden versucht.

Eine solche Integration schildert er in seinem gefeierten Knast-Drama «Ein Prophet» als verstörend gewalttätigen Prozess: das Gefängnis als Bildungsanstalt. Hier lernt der zu Beginn völlig verwahrloste Kleinkriminelle Malik unter Anleitung eines Ersatzvaters (ein korsischer Mafiapate) das, was es braucht, um erfolgreich die Gangsterkarriereleiter hochzukommen.

Kein zynischer Chronist

Audiard nun einfach als zynischen Chronisten des kaputten Lebens unter dem entfesselten Kapitalismus abzutun, griffe zu kurz. Er entzieht sich beharrlich der «Präferenz des Gegenwartskinos für die Statik des schönen Scheiterns», wie es in einer Kritik zu «De battre mon coeur s'est arrêté» (2005) hiess. In diesem Film – mit ihm schaffte Audiard den internationalen Durchbruch – wütet ein junger Mann im Pariser Liegenschaftshandel und sorgt mit Fäusten und Ratten dafür, dass sich in seinen Spekulationsobjekten keine armen Schlucker einnisten.

Eine Zufallsbegegnung sorgt dann dafür, dass er nicht der Abzocker bleibt, zu dem ihn der Vater mit der Einführung ins Liegenschaftsgeschäft gemacht hatte. Plötzlich ist alles anders. Die Situation bringt den jungen Mann dazu, den von der früh verstorbenen Mutter gelegten Faden zur Musik – sie war Pianistin – erneut aufzunehmen. Als ginge es um sein Leben, greift er wieder in die Tasten und übt für den Absprung.

Die Panzerung ablegen

Auf eine ähnlich schicksalshafte Wendung läuft auch Audiards Film «Der Geschmack von Rost und Knochen» hinaus. Hier ist es ein von Matthias Schoenaerts verkörperter junger Vater, der mit seinem kleinen Sohn auf der Suche nach Arbeit durch Südfrankreich reist.

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Auschnitt aus «Der Geschmack von Rost und Knochen»

2:25 min, vom 25.10.2015

Roadmovie-Romantik kommt keine auf, so sprach- und äusserlich gefühllos bewegt sich dieser Mann – der sich mit illegalen Kämpfen ein Zubrot verdient – durchs gesellschaftliche Trümmerfeld. Als er auf eine Killerwal-Trainerin (Marion Cotillard) trifft, die seit einem Unfall verstümmelt und ohne Unterschenkel leben muss, reagiert er auf ihre Avancen, weil er es nicht besser weiss, in einer Art, die man nur abstossend nennen kann.

Wie sich die beiden Versehrten dann doch öffnen, dabei Liebe finden und sich so in Menschen (zurück)verwandeln, ist meisterhaft erzählt und inszeniert. Es berührt umso mehr, als rundherum die Knochen brechen, Mitleidlosigkeit die Welt regiert und die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit.

Als Ausweg aus der Ausweglosigkeit bedingungslose Liebe zu setzen, mag heutzutage reichlich antiquiert erscheinen. Dass Audiards Filme dabei aber nie alt aussehen, sondern konzentriert, frisch und unverbraucht, macht die Differenz und lebendiges Kino.

Sendehinweise

SRF 1 zeigt in der Montagnacht, 27. Oktober um 00:55 «Ein Prophet», in der Donnerstagnacht, 30. Oktober um 00:15 Uhr «Der Geschmack von Rost und Knochen».

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel