Die düstere Geschichte eines russischen Leviathan

Die Geschichte von Hiob ist eine mächtige und zeitlose Geschichte. Jetzt erzählt sie der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev in seinem neuen Film «Leviathan» einmal mehr: Korrupte Vertreter des Staates wollen einem rechtschaffenen Mann alles nehmen – Land, Haus und Werkstatt.

Ein Mann sitzt deprimiert auf der Treppe.

Bildlegende: Kolja (Alexei Serebryakov) hat alles verloren: Land, Haus und Werkstatt. Pyramide Films

Kolja (Alexei Serebryakov) hat sich auf dem Land seiner Väter ein Haus gebaut und eine Autowerkstatt. Hier lebt er, mit seiner schönen, jungen zweiten Frau und seinem Sohn von der ersten, die verstorben ist. Nun wollen ihm die korrupten Vertreter des Staates mit Unterstützung und Beifall der orthodoxen Priesterschaft alles nehmen: Land, Haus und Werkstatt.

Regisseur Andrey Zvyagintsev.

Bildlegende: Regisseur Andrey Zvyagintsev. Pyramide Films

Das Unglück und das Böse sind stärker

Kolja ruft deshalb seinen alten Armeefreund aus Moskau zu Hilfe, einen Anwalt, der auch mit den richtigen Informationen ankommt, und Druck auf den korrupten Bürgermeister ausübt. Aber das Unglück und das Böse sind stärker. Koljas Frau und der Anwalt können einander nicht widerstehen und landen im Hotelbett. Und kaum hat ihm der Freund dafür ein blaues Auge geschlagen, stehen auch schon die Gorillas des Bürgermeisters vor dem Hotel und holen den Mann aus Moskau ab zur Nachbehandlung. Danach gibt es kein Halten mehr, der Anwalt reist ab, die Frau stürzt sich ins Meer und Kolja erliegt dem Wodka. Schliesslich wird er als Mörder seiner Frau ins Gefängnis gesteckt – übrig bleibt nur noch sein Sohn.

«Leviathan» ist ein starker Film mit starken Bildern. Der Tonfall nähert sich oft der Komik, ohne die permanent zugrundeliegende Bedrohung zu vernachlässigen. Und wenn der Film nun im russischen Untergrund entstanden wäre, heimlich und mit kleinem Budget, dann wären wir wohl sofort und fraglos bereit, die düstere Metaphorik vom korrupten Staat in Seilschaft mit einer wiedererstarkten Kirche zu goutieren. Mit Schaudern und Kopfnicken.

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Trailer «Leviathan»

1:42 min, vom 11.3.2015

Spiel mit der Zweideutigkeit?

Aber der Film wurde mit Unterstützung der staatlichen Kulturförderung gedreht. Und jedem staats- und systemkritischen Bild steht ein anderes zur Seite, das die Verantwortung und die Korruption auf die Individuen umlenkt. Selbst eine satirische Köstlichkeit wie das Zielschiessen auf alte Potentatenfotos aus einer Amtsstube hört bei Gorbatschow auf, Yeltsin wird nur noch erwähnt. Und dass Putin im Büro des korrupten Bürgermeisters hängt, ist ja logisch.

Ich hege darum noch immer gemischte Gefühle diesem «Leviathan» gegenüber. Das ist unbestritten ein filmischer Wurf, eine wuchtig und konsequent umgesetzte Geschichte. Aber ihre Interpretation hängt dermassen auf Messers Schneide, dass man sich gut vorstellen könnte, dass die gezeigten Korrupten keine Probleme damit hätten.

Ob das nun ein cleveres Spiel mit der Zweideutigkeit ist, oder eine ebenso mutige wie hoffnungslose Bilanz der russischen Zustände, ist ohne nähere Kenntnis nicht zu entscheiden. Dass der Film als Kinoerlebnis aber gross ist, stark und eindrücklich, das lässt sich nicht bestreiten.

Kinostart: 05.03.2015.