Die liebevolle Zähmung einer alten Schachtel

Mit 85 ist Jeanne Moreau die grosse alte Dame des französischen Kinos. Die Schauspielerin hat es allerdings verstanden, in jedem Lebensalter grossartige Rollen zu spielen. Nun verleiht sie auch einem Film von Ilmar Raag aus Estland eine ganz besondere Note. «Une Estonienne à Paris» heisst er.

Die Schauspielerin Jeanne Moreau mit Laine Mägi

Bildlegende: Grande Dame des französischen Kinos: Jeanne Moreau (r.) mit Laine Mägi. Xenix

Eine Leinwandbegegnung mit Jeanne Moreau ist grundsätzlich ein Erlebnis, auch wenn dieser hübsche kleine Film zunächst bloss eine Variante von «Driving Miss Daisy» und Konsorten zu sein scheint. Moreau spielt Frida, eine Frau aus Estland, die ihr Leben in Paris verbracht hat, in der Stadt glücklich und reich und später unglücklich und alt geworden ist.

Als dann noch die Altenpflegerin aus Estland auftaucht, welche ihr einstiger jüngerer Geliebter für sie hat kommen lassen, reicht es ihr, die braucht sie nun wirklich nicht.

Bekannte Geschichte neu erzählt

Der schöne Kniff des Films besteht darin, dass er die Geschichte von Anfang an aus der Perspektive dieser Anne erzählt, die in Estland ihre Mutter pflegte, bis sie starb und nun die Chance wahrnimmt, den Jugendtraum von Paris als Hausdame wahrzunehmen. Natürlich gerät sie zwischen die tyrannische, einsame alte Frau und den Mann, der sich zwar um ihr Wohlergehen kümmern, aber sich möglichst wenig mit ihr abgeben möchte. 

Der ehemalige Liebhaber Fridas hält ihre Hand (Jeanne Moreau).

Bildlegende: Gutes Handwerk und exzellentes Schauspielerkino: eine verbitterte alte Dame wandelt sich. Xenix

Der Verlauf des Films ist bald absehbar, das Muster bekannt seit der ersten Lektüre von Kinderbüchern wie «Little Lord Fauntleroy» («Der kleine Lord»), in denen ein warmherziger Mensch einem verbitterten alten Gegenstück den Weg zurück ins Leben weist.

Aber der Este Ilmar Raag bringt genügend Charakterzüge aus Estland und aus Frankreich ein: Die beiden Darstellerinnen ergänzen sich dermassen wunderbar, dass man dauernd das Gefühl hat, in einem ganz neuen Film zu sitzen.

Exzellentes Schauspielerkino mit dem richtigen Schnitt

Eigentlich trifft das auch zu, denn im Unterhaltungskino gibt es ja nicht beliebig viele Erzählsysteme. Wenn ein Film für ein normales Publikum funktionieren soll, erzählt er eine neue Geschichte auf eine bekannte Weise. Oder eine bekannte Geschichte auf neue Weise. «Une Estonienne à Paris» ist nicht Neue Musik für Spezialisten. Das ist sehr gutes Handwerk und exzellentes Schauspielerkino – mit feinen Details.


Filmkritik von Michael Sennhauser

2:54 min, aus Kultur kompakt vom 14.06.2013

Das grösste Glücksgefühl vermitteln einem darin allerdings nicht Jeanne Moreau und auch nicht die wunderbare Laine Mägi aus Estland, sondern ein simpler Schnitt am Anfang. Während Anne in der Heimat noch darüber nachdenkt, ob sie die Arbeit in Paris annehmen soll, legt sie eine alte Kassette mit einem sentimentalen Chanson ein. Die Musik klingt, der Refrain kommt wieder und nach dem nächsten Schnitt fahren die Koffer auf dem Gepäckband eines Pariser Flughafens durchs Bild. Aufbruch und Ankunft in einem.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Film der Woche: «Une Estonienne à Paris» (EST 2012)

    Aus Box Office vom 9.6.2013

    «Une Estonienne à Paris» ist ein berührender kleiner Film über das älter werden: Wie lebt man sein Leben wenn die glücklichsten Momente in der Vergangenheit zu liegen scheinen? Die grandiose Jeanne Moreau beglückt uns im Alter von 85 Jahren mit einem raren Auftritt auf der grossen Leinwand: Als bärbeissige Witwe mit Reibeisenstimme, die partout ihre Pflegerin vergraulen will. Regie: Ilmar Raag, mit Jeanne Moreau, Laine Mägi

    Andrea Guyer

    Mehr zum Thema