Die Rache einer gemobbten Regisseurin

Wiedersehen macht nicht immer Freude: Die schwedische Regisseurin Anna Odell stellt in ihrem Debütfilm «The Reunion» ein Klassentreffen nach, zu dem sie selbst nie eingeladen war. Eine heitere Tischrunde schwelgt in Nostalgie – bis Anna Odell die Rede hält, die sie schon immer halten wollte.

Anna Odell am Tisch mit ihren ehemaligen Klassenkameraden. Sie steht.

Bildlegende: Regisseurin Anna Odell verfilmt in «The Reunion», was sie in der Realität hätte erleben können. Filmcoopi

Da sind sie alle wieder vereint: Der Klassenclown und die unzertrennlichen besten Freundinnen, die Streber und die Lausbuben einer Stockholmer Grundschule, die vor 20 Jahren gemeinsam den Unterricht besuchten. Ein grosser Festsaal wurde gemietet, man isst und lacht, Anekdoten werden ausgetauscht. Alles scheint wie früher.

Ruhe vor dem Sturm

Auch für die Nachzüglerin Anna Odell ist alles wie gehabt. Niemand scheint die dunkelhaarige Frau zu bemerken, die sich mit fragendem Blick in den Saal schleicht. Ihre ganze Jugend lang wurde Anna von ihren Mitschülern ausgegrenzt. Daran hat sich nichts geändert.

Doch die Frau ist entschlossen, das Schweigen zu brechen. Sie hält eine Tischrede, die den Anwesenden in den falschen Hals gerät: Statt in einer verklärten Vergangenheit zu schwelgen, bezichtigt Odell die versammelten Klassenkameraden des Mobbings. Und die stellen die Ruhestörerin prompt vor die Tür.

Keine erfundenen Probleme

Ehemalige Klassenkameraden sitzen an einem Tisch bei einem Glas Wein. Die Stimmung ist getrübt.

Bildlegende: Mit «Jubel, Trubel, Heiterkeit» ist es nach der Rede von Anna Odell vorbei. Filmcoopi

Die Filmfigur Anna Odell heisst auch im richtigen Leben so: Die Regisseurin von «The Reunion» spielt sich in ihrem Erstling selbst. In Schweden wurde die 41-jährige Konzeptkünstlerin durch eine Aktion bekannt, bei der sie sich als vermeintlich geistig verwirrte Frau von der Polizei festnehmen und in eine psychiatrische Anstalt einliefern liess.

Ihre Probleme in «The Reunion» sind hingegen nicht erfunden, oder zumindest nur zum Teil. Zwar war Odell tatsächlich den Mobbing-Attacken ihrer Mitschüler ausgesetzt, ihre vorbereitete Rede konnte sie aber so nie halten: Niemand hatte daran gedacht, die Regisseurin zum wirklichen Klassentreffen einzuladen.

Sehenswerte Grenzerfahrung

Der Augenblick der Wahrheit ist also nur ein «Reenactment», eine nachgestellte, fiktive Szene, mit der Odell ihre Mitschüler aber in echt konfrontieren wollte. Doch das erwies sich als fast unmöglich, da kaum jemand das Bedürfnis verspürte, in alten Wunden zu bohren. Die wenigen Gespräche, die Odell führen konnte, wurden auch für «The Reunion» mit Schauspielern nachgestellt.

Was zunächst wie das selbstbezogene PR-Projekt einer Künstlerin wirkt, zeigt auf spannende Weise die Unvereinbarkeit unterschiedlicher Wahrnehmungen. Die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit verläuft nicht zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, sondern in den Köpfen der Beteiligten.

Dass man sich als Zuschauer dabei nicht so ohne weiteres auf die eine oder andere Seite schlagen kann, macht «The Reunion» zu einer sehenswerten Grenzerfahrung.

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