«Die Wiesenberger» – ein Blick hinter die Kulissen

Vom Sääli des Restaurants Alpenhof auf die grossen Bühnen der Welt: «Die Wiesenberger» zeigt den Aufstieg von zwanzig Jodlern, die über Nacht zu Stars werden. Die Macher erzählen im Interview, wie der Film entstanden ist.

Zwei Männer. Einer zeigt einen Filmpreis, welcher

Bildlegende: Die Macher des Filmes: Bernard Weber und Martin Schilt wurden an den Solothurner Filmtagen ausgezeichnet. SRF/Bernhard Weber/Martin Schilt

Urs Augstburger, SRF: Wieso drehen zwei Städter einen Film über einen Jodelchor?

Bernard Weber: Ursprünglich sollte der Film zeigen, wie sich in der urschweizerischen Institution des Männerchors völlig unterschiedliche soziale Milieus treffen. Diese Zweckgemeinschaft wird mit fast allen gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen konfrontiert.

Martin Schilt: Uns interessierte, wie eine Gruppe von zwanzig Männern Harmonie finden und pflegen kann. Auch wenn im Alltag vieles nicht harmonisch verläuft. Wir suchten einen Chor, der auf dem Land beheimatet und verankert war, um diese «progressive» Männergruppe in einer scheinbar konservativen Umgebung zu etablieren. Im Verlauf der Recherchen stiessen wir auf die Wiesenberger Jodler.

Wie konntet Ihr das Vertrauen der Wiesenberger gewinnen?

Bernard Weber: Die Wiesenberger haben nur eingewilligt in «dem huere Film» mitzumachen, weil wir ihnen versicherten, sie mehrere Monate lang mit der Kamera zu begleiten. Eigentlich wollten sie zusätzlichen Rummel und TV-Beiträge um jeden Preis vermeiden.

Ein Mann mit Kamera steht auf einem Grashügel. im Hintergrund die Stadt Shanghai.

Bildlegende: Impression von den Dreharbeiten an der Weltausstellung in Shanghai. SRF/Bernhard Weber/Martin Schilt

Martin Schilt: Wir boten an, sie als Chronisten zu begleiten. Das hat den Chor überzeugt. «Sonst glaubt uns diese Geschichte ja keiner, wenn wir sie dann mal im Altersheim erzählen», meinte einer der Jodler.

Wie war die Zusammenarbeit tatsächlich?

Martin Schilt: Wir haben während den Dreharbeiten vieles über Diplomatie und Demokratie gelernt. Wir brauchten eine ganze Weile, bis wir die über zwanzigjährige Vereinsgeschichte und das Innenleben der Wiesenberger begreifen konnten...

Bernard Weber: …und bis wir ihren Bergler-Dialekt verstanden, brauchten wir auch einige Zeit.

Martin Schilt: Wir waren am Anfang der Dreharbeiten zeitweise erstaunt und überfordert, da die Wiesenberger uns sehr direkt mitteilten, was sie von unseren Ansprüchen hielten. Aus dem direkten Umgangston entstand aber eine Vertrauensbasis, welche für den Film sehr wichtig war. Dank dieser konnten wir auch filmen, wenn die «Fetzen flogen» – oder in stillen und intimen Momenten wie der Beerdigung.

Hat es euch geärgert, dass ihr fälschlicherweise in die Schublade «Heimatfilm» gesteckt worden seid?

Bernard Weber: Nein, eigentlich nicht. Einen Film zum Thema Heimat zu drehen heisst, sich mit den spannenden Fragen «Wer sind wir?» und «Woher kommen wir?» auseinander zu setzen. Wir blicken mit unseren Filmen hinter die Masken und demontieren Vorurteile. Dafür waren die Wiesenberger die perfekten Protagonisten – denn über die Nidwaldner grassieren viele Vorurteile. Sie sind verschrien als bärtige Hinterwäldler, die alle Subaru fahren, Helly Hansen tragen, die Liste ist lang.

Teilweise stimmten diese Äusserlichkeiten sogar. Deshalb beschlossen wir, in der Dramaturgie des Filmes mit den existierenden Vorurteilen zu spielen. Der Film beginnt mit den Klischees: Rote Subarus, die durch die Berglandschaft kurven und bärtige Bauern in Helly-Hansen-Jacken, die mit altertümlichen Transportseilbahnen zu Tal fahren.

Danach demontieren wir Klischees nach und nach und zeigen mit jeder weiteren Szene eine neue Facette der Wiesenberger. So gingen wir auch vor, als wir die Bedeutung ihrer Musik entschlüsselten. Der Zuschauer soll nach und nach entdecken, dass ihre Kompositionen persönlichen Erlebnissen entspringen und die Bedeutung ihres Gesanges im Alltag erkennen. Die Wiesenberger begleiten mit ihren Liedern die Gemeinschaft bei vielen wichtigen Ereignissen wie Beerdigungen, Geburten oder Hochzeiten.

Eine europäischer Mann mit einer Gruppe Chinesen.

Bildlegende: Die Chormitglieder genossen in Shanghai das Bad in der Menge. SRF/Bernhard Weber/Martin Schilt

Martin Schilt: Die Wiesenberger «jammen», um neue Jodel zu erarbeiten – genau wie Jazz-Musiker. Dies wollten wir erlebbar machen. Der Höhepunkt der Demontage der «Nidwaldner Klischees» war für uns der Moment, als der Chor in Shanghai begann, mit den Einheimischen zu singen. Sie verständigten sich nur mit der Sprache der Musik; die als «Hinterwäldler» verschrienen Nidwaldner entpuppten sich plötzlich als kontaktfreudig, weltoffen und neugierig.

Es scheint, einige Mitglieder des Chores hätten deutlich mehr Spass am Medienrummel gehabt als andere. Verweigerten sich einige Euch gegenüber?

Bernard Weber: Eigentlich nicht. Es gab Anfangs der Dreharbeiten eine gewisse Skepsis gegenüber unserem Projekt, die sich dann eigentlich schnell gelegt hat. Wir haben mit offenen Karten gespielt und ihnen von Anfang an auch klar kommuniziert weshalb wir den Film machen wollten.

Sehr untypisch für einen Jodelchor ist, dass eine Frau ihn leitet. Weshalb bei den Wiesenbergern?

Martin Schilt: Silvia Windlin ist eine «Wiesenbergerin» der ersten Stunde. Sie war bereits bei der Gründung dabei und sorgt bis heute für die musikalische Qualität. Fredy Wallimann ist der kreative Komponist, Silvia die unermüdliche «Schleiferin». Die beiden ergänzen sich perfekt. Die Jodelversionen von «Ewigi Liebi» und «Blume» hat Silvia arrangiert.

Ein Mann mit einem Stangenmikrophon vor einer Sesselbahn in Shanghai.

Bildlegende: Impression von den Dreharbeiten an der Weltausstellung in Shanghai. SRF/Bernhard Weber/Martin Schilt

Die Frauen der Jodler treten im Film kaum auf. Weshalb ?

Bernard Weber: Wir drehten einen Film über «Die Wiesenberger» – und nicht über «Die Wiesenbergerinnen». Vielleicht drehen wir dereinst eine Fortsetzung.

Im Ernst, einen Film über zwanzig Männer und eine Frau zu machen, ist an sich schon eine grosse Herausforderung. Hätten wir zusätzlich die rund 20 Wiesenbergerinnen proträtiert, wäre der Film wohl bis heute noch nicht fertig geworden.

Was waren die verrücktesten oder auch berührendsten Momente während der Dreharbeiten?

Bernard Weber: Mich berührte der Tag an der Beerdigung am meisten. Da wurde uns allen klar, dass der Chor – nebst allen «Ausflügen ins Showbusiness» – lokal tief verwurzelt ist. Ihr Gesang, insbesondere das Solo von Sepp Amstutz, ging allen Anwesenden unter die Haut.

Dre Männer sitzend in traditioneller Schweizer Kleidung.

Bildlegende: Werden über Nacht zu Stars: Die Mitglieder des Jodlerklubs «Die Wiesenberger». SRF/Bernhard Weber/Martin Schilt

Wie reagierten die Chormitglieder auf den fertigen Film? Beklagte sich jemand über seine Darstellung?

Martin Schilt: Als der Vorstand den Film zum ersten Mal sah, herrschte einen Moment lang Stille. Wir befürchteten schon, dass jeder einzelne gerade die Szene mit ihm, die nun nicht im Film war, vermissen würde. Dann übernahm der Präsident das Wort und meinte: «Das sind wir, genau so sind wir». Die anderen Jodler waren auch seiner Meinung. Das war das schönste Kompliment, das wir erwarten konnten. Für uns hiess dies, dass die Jodler bereit waren, zu den schwierigen Momenten im Innenleben ihrer Gruppe zu stehen. Das hat uns sehr gefreut. Sie erkannten, dass wir im Film versucht haben, ihre Geschichte, so wie wir sie über die zwei Jahre miterlebt hatten, mit allen Hochs und Tiefs wiederzugeben. Der Film sollte kein Kniefall vor der Jodelkultur werden, sondern das Innenleben einer traditionellen Gemeinschaft in Zeiten des Wandels erzählen.

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Die Wiesenberger vom 31.03.2013

0:27 min, vom 31.3.2013

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