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Enno Reins über «The New Mutants»
abspielen. Laufzeit 02:22 Minuten.
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Diversität im X-Men-Universum Hier ist Anderssein schon lange angesagt

Die X-Men gibt es seit 1963. In Sachen Diversität sind sie so relevant wie selten zuvor. Das zeigt auch der neue Film «The New Mutants».

Die X-Men sind Mutanten, also Mädchen und Jungen, Frauen und Männer mit einer genetischen Besonderheit, die ihnen fantastische Fähigkeiten gibt – und oft auch ein aussergewöhnliches Erscheinungsbild.

Die Vielfalt, was Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Religion angeht, ist enorm.

Divers und kosmopolitisch

Da gibt es einen Kerl mit Flügeln. Oder eine blauhäutige Frau, die sich in jeden Menschen verwandeln kann. Egal, ob männlich, weiblich oder vieles mehr.

Die Mutanten und Mutantinnen kommen aus aller Welt: Sie sind Amerikaner, Afrikaner, Afghanen, Deutsche, Iren, Israelis, Russen. Unter ihnen sind Katholiken, Protestanten, Juden, Muslime und Atheisten.

Seit den späten 1990er-Jahren gibt es in den Comics homosexuelle Figuren. Die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit gab es 2012.

Zwei Männer küssen sich
Legende: 2012 heiratet der Mutant Northstar. Marvels erster homosexueller Held. Marvel.com

Was diesen bunten X-Men-Haufen eint: Die normalen Menschen hassen sie. Sie grenzen sie aus und jagen sie mit fiesen Killer-Robotern. Aus dem erschreckend einfachen Grund: Die Mutanten sind anders.

Schwierigkeiten in einer unfreundlichen Welt

«Die X-Men können als Sinnbild für jedes Individuum jedes Alters gelten, das seine Schwierigkeiten mit einer unfreundlichen Welt hat. Mehr noch: Für jede Gruppe, die sich diskriminiert fühlt, sei es ethnisch, politisch, kulturell oder in der Geschlechterrolle», schrieb der amerikanische Comic-Kritiker und Historiker Peter Sanderson schon 1998 im Nachwort einer deutschen Sammlerausgabe der ersten zehn X-Men-Hefte.

Cover der ersten X-Men Ausgabe
Legende: 1963 konnten Kinder die erste Ausgabe der X-Men kaufen. Marvel Characters Inc.

Erfolgreich als Comic und Film

Die X-Men gibt es seit 1963 als Comic. In den 1980er- und 1990er-Jahren gehörten sie zu den erfolgreichsten Titeln des Verlagshauses Marvel. In dieser Zeit entwickelte sich das Team zu der diversen Gruppe, wie man sie heute kennt.

Seit 20 Jahren kämpfen die Maskierten auch auf der Kinoleinwand. Zwölf Filme gibt es, über sechs Milliarden Dollar haben sie eingespielt. Das macht sie zu einer der erfolgreichsten Kinoreihen überhaupt.

Video
Trailer zu «The New Mutants»
Aus Kultur Extras vom 16.09.2020.
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Neu im Kino: The New Mutants

Gerade kam der neuste Film der Reihe in die Kinos. Mit einer klassischen X-Men-Geschichte: Die Helden und Heldinnen sind jugendliche Aussenseiter aus aller Welt. Sie sind eingesperrt in einer Klinik, in der sie gefangen gehalten und getestet werden, unter Aufsicht einer Leiterin, die ihre Kräfte für eine Gefahr hält.

Filmritik: «The New Mutants»

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junge blonde Frau mit glühenden Augen
Legende:The Walt Disney Company (Switzerland) GmbH

Worum geht es?

Eine junge Cheyenne landet in einer Klinik. Sie erfährt: Sie ist eine Mutantin. Welche Fähigkeiten sie besitzt, ist unklar.

Die Leiterin erklärt, dass sie und andere junge Mutanten in der Klinik ihre Fähigkeiten kennenlernen sollen, damit sie keine Gefahr mehr für sich und die Umwelt wären.

Aber natürlich ist das nicht so. Die Klinik ist ein Gefängnis und die Absichten der Leiterin keinesfalls gut.

Hello again

Auf der Leinwand gibt es ein Wiedersehen mit Maisie Williams, der Arya Stark (das war das Kind, das zur Killerin wird) aus der Serie «Game of Thrones» und Charlie Heaton, den die meisten als Jonathan Beyers aus der Serie «Stranger Things» kennen werden.

Vorlage

«The New Mutants» basiert auf der gleichnamigen Comicreihe, die 1982 als Ableger der erfolgreichen X-Men erstmals erschien. Die bekannten Mutanten wie Professor X, Mystique, Magneto, Phoenix oder Wolverine tauchen in den Comics auf, aber nicht im Film.

Top oder Flop?

Typisch divers geht es zu. Die Truppe der jungen Helden besteht aus einer Russin, einem Brasilianer, einer Cheyenne, einem weissen Amerikaner und einer Schottin. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und glauben an unterschiedliche Götter. Die Romanze des Films findet zwischen Frauen statt.

«The New Mutants» ist keine Special-Effects-Orgie. Es ist ein kleiner Film, irgendwo zwischen Psychodrama und Horrorstreifen, auf dem Produktionsniveau einer grösseren Netflix-Produktion.

Die Einzelschicksale der Figuren sind wichtiger als die Kämpfe. Und die neuen Mutanten haben einen ganz schönen Leidensweg hinter sich.

Eine junge Frau wurde von einem Priester misshandelt, als der herausfand, dass sie sich in einen Wolf verwandeln kann.

Bei einem anderen Charakter lernt der Zuschauer: Die Pubertät kann für einen Mutanten die Hölle sein: Der junge Mann wird bei sexueller Erregung im wahrsten Sinne des Wortes heiss. Seine erste Freundin hat er deshalb ungewollt verbrannt.

«The New Mutants»: kein schlechter Film, aber auch kein richtig guter. Teenager und Fans des X-Men-Universums machen aber nichts falsch, wenn sie ihn sich anschauen.

4DX

Der Film wird auch in 4DX-Kinos angeboten. Den Aufpreis, den man für die wackelnden Stühle, die Windböen und Regenschauer im Kino zahlt, lohnt sich erst am Ende, wenn es den für Superheldenfilme obligatorischen finalen Fight gegen die Fieslinge gibt. Da ist jede Stuhlbewegung, jeder Lufthauch, jeder Lichteffekt perfekt choreographiert.

X-Men und die Bürgerrechtsbewegung

Ausgrenzung, Rassismus, Hass. Dass diese Themen immer wieder bei den X-Men auftauchen, ist kein Wunder. Die Figuren enstanden in der grossen Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

In dem Jahr, in dem das erste Comicheft erschien, hielt Martin Luther King seine weltberühmte «I Have a Dream»-Rede, US-Präsident John F. Kennedy sprach sich gegen Rassentrennung aus und der Marsch auf Washington fand statt, bei dem 200 000 Menschen das Ende der Rassendiskriminierung forderten.

Stan Lee
Legende: Stan Lee erfand nicht nur die X-Men, sondern auch Spiderman, Thor, Hulk und die Fantastic Four. imago images

Stan Lee, der kreative Kopf bei Marvel, reagierte damals auf die Ereignisse. «Ich dachte mir: Was, wenn es nicht Helden wären, die jeder verehrt? Was, wenn die Menschen sie wegen ihrer Andersartigkeit fürchten und hassen würden», erzählte X-Men-Erfinder Stan Lee im Jahr 2000 dem «Guardian».

Er habe die Idee gemocht, nicht nur, weil sie die X-Men von anderen Superhelden abgrenzte, sondern auch eine gute Metapher für die Bürgerrechtsbewegung der damaligen Zeit gewesen sei.

Magneto, der Meister des Magnetismus

Im Laufe der Jahrzehnte wurden Figuren und Geschichten komplexer und die Botschaft des Comics deutlicher. Ein gutes Beispiel: Magneto, der Meister des Magnetismus, einer der ältesten Gegner der Gruppe.

Magneto mit Helm und Umhang
Legende: Magneto, in der ersten X-Men-Filmtrilogie gespielt von Ian McKellen. The Walt Disney Company (Switzerland) GmbH

Bei Stan Lee war Magneto ein eindimensionaler Superschurke, der als Mutant auf die normalen Menschen herabblickte. Ab den 1980er-Jahren entwickelte er sich (unter einem neuen Autoren) zu einem vielschichtigen Charakter, der den Holocaust überlebt hatte und seitdem Rassismus und Ausgrenzung verabscheute.

Mutanten als Metapher

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Mutanten als Metapher

Vieles wurde im Laufe der Zeit in die Mutanten hineininterpretiert.

Martin Luther

Fans und Forscher verglichen seit den 1990ern X-Men-Gründer Professor X, der stets ein friedliches Miteinander mit Menschen möchte, und seinen Gegenspieler Magneto mit den Legenden der Bürgerrechtsbewegung, mit dem gemässigten Martin Luther King und dem radikaleren Malcolm X.

Coming Out

Natürlich gibt es auch andere Themen. Iceman, ein Teenager namens Bobby, der alles gefrieren lassen kann, muss im zweiten X-Men-Film von 2003 seinen Eltern gestehen, dass er ein Mutant ist. Die Mutter, die das gar nicht gut findet, fragt daraufhin, ob er nicht einfach versuchen könne, keiner zu sein.

Das erinnert stark an die Situation eines Coming-Out, nur das die sexuelle Ausrichtung mit der genetisch bedingten Superkraft ausgetauscht wurde.

Ob die Filmszene irgendwie die Comicmacher inspiriert hat, weiss man nicht, aber 2015, im Heft 40 der «All-New X-Men», kam heraus, dass Iceman schwul ist.

Wie Professor X, der Gründer und Lehrer der originalen X-Men, kämpfte Magneto nun für die Rechte der Mutanten. Mit Gewalt und jenseits der Legalität. Weshalb er immer wieder in Konflikt mit den X-Men geriet.

Gute Popkultur bietet immer Interpretationsfläche für gesellschaftliche Probleme und thematisiert diese auch. Darin liegt der Spass, darin liegt ihre Relevanz. Das gilt in unseren Zeiten eindeutig für die X-Men.

Sendung: SRF 3, 15.09.2020, 16:50 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von René Isenschmid  (Luzerner30)
    Ich finde Diversität grundsätzlich etwas Positives, denn es fördert das gegenseitige Verständnis und die Akzeptanz verschiedener Kulturen. Allerdings muss die Film-, Serien und Comicbranche aufpassen, dass sie die Originalität von Story und Charakteren nicht vergiss. Ein Beispiel: Ein dunkelhäutiger Schauspieler in der Rolle von James Bond wäre genauso verkehrt wie ein Europäer als chinesischer Kaiser. Je nach Film sind gewisse Rollen halt vom äusserlichen her einfach vorgegeben.
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    1. Antwort von Fabian Malovini  (malovini.ch)
      wieso sollte bond nicht von einem dunkelhäutigen schauspieler verkörpert werden können?
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