«Django Unchained»: Ein zähes Vergnügen

Quentin Tarantino wagt sich an ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte: Für sein Sklaverei-Epos arbeitet sich der Meister der Genre-Jonglage auch in seinem neusten Streifen an der Filmgeschichte ab.

«Oiink, Oiiink, Oiiiink» – was sich im epischsten aller Italo-Western, «Spiel mir das Lied vom Tod», als Quietschen eines Windrads entpuppt, erweist sich zu Beginn von Tarantinos neustem Film «Django Unchained» als Geräusch eines wackelnden Zahns. Ein überdimensionierter Stockzahn wackelt am Ende einer Sprungfeder auf dem Dach einer lottrigen, winzigen Holzkutsche, laut und fast schon provozierend munter.

Die mobile Zahnarztpraxis gehört Christoph Waltz alias Dr. King Schultz. Und der ist kein Zahnarzt, sondern ein äusserst kultivierter Kopfgeldjäger aus Deutschland. Die Kombination aus Zahnarzt und Bounty Hunter ist eine Anspielung des ausgewiesenen Zitat-Spezialisten Quentin Tarantino auf die Welt des Westerns. Sein Genre-Fleischwolf hat aus dem weissen Spaghetti-Westernhelden Django (aus dem titelgebenden Original von 1966) einen schwarzen Sklaven (gespielt von Jamie Foxx) gemacht.

Sklaventreiber und Wortspiel-Lieferanten

Quentin Tarantino zeigt mit der Hand auf eine Pistole, als solle jemand eine Nahaufnahme davon machen.

Bildlegende: Quentin Tarantino am Set von «Django Unchained». 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Django und Dr. Schultz machen gemeinsam Jagd auf die fiesen Sklaventreiber und dankbaren Wortspiel-Lieferanten Brittle-Brothers. Weil Django im Verlauf der Geschichte das Joch der Sklaverei abwirft und Kopfgeldjäger wird, weil seine Frau immer noch als Sklavin gefangen ist und Broomhilda heisst und weil Schultz (Waltz) Deutscher ist und darum Romantiker (wie bei Sigfried und Brunhilde aus dem Nibelungenlied), werden sie beste Freunde und wollen mit gemeinsamer Kraft Broomhilda aus ihrer Gefangenschaft befreien.

Tarantino nicht in Topform

Wie man mit dem Western-Genre auch heute noch originell umgehen kann, haben 2004 schon die HBO-Serie «Deadwood» und aktuell «Copper» (BBC America) eindrücklich vorgemacht. Wer den Western um seinen kleinen Bruder Italo-Western mitsamt seinen japanischen Wurzeln und um Blaxploitation-Elemente erweitert, wie das Quentin Tarantino tut, kann sich aus einem enormen Pot filmischer Stilmittel bedienen. Aber Mr. Tarantino zeigt sich nicht in Topform: «Django Unchained» wirkt etwas uninspiriert.

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«Tarantinos Blutspur»

3:39 min, aus 10vor10 vom 16.1.2013

Samuel L. Jackson lässt Blut in den Adern gefrieren

Über weite Strecken ist der Film eine Christoph-Waltz-Show. Sein Spiel erinnert frappant an seinen Nazi-Sadisten in «Inglorious Bastards», für den er 2010 den Oscar bekam. Das erscheint in diesem Fall unmotiviert, schliesslich ist Schultz der einzige Nicht-Rassist in diesem Sklaverei-Epos, zwar ein Menschenjäger, aber einer mit einem guten Herz. Leonardo DiCaprio liefert eine Johnny-Depp-Pirates-of-the-Caribbean-Parodie im Kostüm von Clark Gable, «Gone with the Wind», und das in einem nicht enden wollenden, sinn- und humorfreien Esszimmer-Intermezzo. Jamie Foxx spielt seinen Django einem wortkargen Westernhelden würdig. Das Blut in den Adern gefrieren lässt einem Samuel L. Jackson, in seiner atemberaubenden Darstellung des alten, mit seinem Meister solidarischen Haussklaven.

Visuelles Potential nicht ausgeschöpft


«Gemetzel mit Waffen und Worten»

3:22 min, aus Kultur kompakt vom 16.01.2013

Wenn leuchtendrote Blutspritzer des Sklavenhalters Ellis Brittle auf einem Meer aus blütenweissen Baumwoll-Knospen landen, wie Farbe aus der Hand von Jackson Pollock auf einer nagelneuen Leinwand, erkennt man den bildgewaltigen Tarantino aus Kill Bill und ahnt das visuelle Potenzial, das in «Django Unchained» brach liegt. Wenn Don Johnson alias Big Daddy sich über die schlechte Sicht unter der Ku-Klux-Klan-Maske beklagt, klingt der schwarze Humor von «Pulp Fiction» an, während einem die restlichen Mätzchen ein faules «tzzzzzzzz» entlocken.

Tarantino schildert die Gräueltaten des weissen Mannes in der Zeit der Sklaverei schonungslos und für ein jüngeres amerikanisches Publikum vielleicht sogar schockierend. Er ermächtigt den unterdrückten schwarzen Mann und stilisiert ihn zur coolen Rächer-Figur: «They never saw a nigger on a horse!» Das bleibt aber das einzig wirklich Bemerkenswerte. Visuelle und erzählerische Einfallslosigkeit, fehlende Spannung und – gewöhnlich die Sahnehaube auf den Tarantino-Filmen – ein liebloser Soundtrack machen die fast drei Stunden zu einem zähen Vergnügen.

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