Drogen + Film = Narco Cinema

Der Drogenkrieg in Mexiko hat seine eigene Kultur hervorgebracht, die «Narco-Cultura». Im Film sind das meist Low Budget Actionfilme. Es sind regelrechte Hymnen auf die alltägliche Gewalt – und werden häufig von den Drogenkartellen finanziert.

Eine leichtbekleidete mexikanische Frau zielt mit einer Pistole auf ein nicht sichtbares Gegenüber.

Bildlegende: Knarren, Bösewichte, leichtbekleidete Frauen, Drogen, Cops, Gewalt, und das meist alles zusammen: Das ist Narco Cinema. Vice

Mexico verbindet man mit Mayatempeln, Tequila, scharfen Speisen, wunderschönen Stränden und Salma Hayek. In den vergangenen zehn Jahren ist Mexico jedoch meistens wegen des tobenden Drogenkriegs in die Schlagzeilen gekommen. Die Drogenkultur hat in der mexikanischen Gesellschaft inzwischen einen festen Platz, von der Religion – es gibt einen Schutzpatron der Drogenhändler – über die Musik und die Literatur bis hin zum Film, dem sogenannten Narco Cinema.

Ein Spiegel der Realität

«Narco» ist im Spanischen Chiffre für alles, was mit Drogen zu tun hat. Entsprechend ist Narco Cinema ganz einfach: Drogenkino. Entstanden ist das Genre in den 1980er Jahren, ganz in der Tradition der mexikanischen B-Movies der 60er und 70er Jahre.

In den Low Budget Actionfilmen des Narco Cinema spielen Gewalt und Drogendealer, korrupte Cops und Politiker, Schlampen und Pickups die Hauptrolle. Obwohl fiktiv, sind die Filme doch ein Spiegel der Realität: Sie verherrlichen den täglichen Kampf der Polizei gegen die Drogendealer, der Armee gegen korrupte Polizisten und der Drogenkartelle gegeneinander. Je brutaler der reale Konflikt wird, desto gewalttätiger werden die Narco-Filme.

Hier wird Geld, nicht Kunst gemacht

Sie werden am laufenden Band und mit wenig Geld produziert. Kaum eine Produktion kostet mehr als 50'000 Dollar, meist liegen nur fünf Wochen zwischen Synopsis und Fertigstellung. Ins Kino kommen die Filme nicht. Sie werden ausschliesslich für den DVD-Markt hergestellt, da sich 80 Prozent der Mexikaner keine Kinokarte leisten können. Gut sind die Filme nicht. Hier wird Geld, nicht Kunst gemacht.

Das Narco Cinema greift zurück auf Narcocorridos. Corridos sind traditionelle mexikanische Balladen, die ihren Ursprung in spanischen Romanzen aus dem 18. Jahrhundert haben. Musikalisch unterlegt wird das Ganze mit Tuba- und Akkordeon-lastigen Melodien der Polka – eine musikalische Mischung aus urmexikanischen Zutaten und dem Erbe europäischer Einwanderer.

Auch die Musiker leben gefährlich

Während die Corridos zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Heldentaten der mexikanischen Revolutionäre besangen, thematisieren sie heute die Welt der Narcos und sind zu Drogenballaden geworden. Die Narcocorridos dienen meist als Synopsis für Narcofilme: Kaum ein Film, der nicht auf einer Drogenballade basiert.

Die Musiker leben gefährlich. Es genügt, die Eitelkeiten eines rivalisierenden Kartells zu verletzen; oder einem Drogenboss gefällt eine Textzeile oder eine Melodie nicht. Der erste, der sein Singen von Narcocorridos mit dem Leben bezahlt hat, war Rosalino «Chalino» Sánchez im Jahr 1992. Seit damals wurden mehr als 20 Musiker ermordet.

Eine zwiespältige Angelegenheit

Der Mexikaner Heli, die Hauptfigur in Amat Escalantes Film angelehnt an ein Auto in der mexikanischen Wüste, danben sitzt ein Mädchen.

Bildlegende: Es geht auch anders als billig und opportunistisch: Filmstill aus Amat Escalantes Drama «Heli». Mantarraya Producciones / Tres Tunas / No Dream Cinema

In Mexiko werden die Drogenkartelle nicht nur geächtet, sondern auch geachtet. Die arme Bevölkerung sieht in den Gesetzlosen Vorbilder. Ihre Karrieren sind für viele das einzige Modell eines sozialen Aufstiegs.

Doch im Drogenkrieg zwischen rivalisierenden Kartellen sowie den Sicherheitskräften sind in Mexiko seit 2006 mindestens 70'000 Menschen ums Leben gekommen. Das schadet zunehmend dem Tourismus, dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes. Den Drogenbaronen kann das egal sein, das Geschäft mit den Drogen spült jedes Jahr 100 Milliarden Dollar in ihre Kassen.

In der Grenzstadt Tijuana, einer der lukrativsten Nahtstellen für den Drogenhandel, Waffen- und Menschenschmuggel zwischen den USA und Lateinamerika fordert der Narco-Krieg besonders viele Opfer. Doch gerade in Tijuana werden jedes Jahr über 30 Narcofilme produziert – und oft von den Drogenbaronen finanziert. Vielleicht sind die Filme deshalb so populär, weil sie eine Welt widerspiegeln, die den meisten Mexikanern bekannt ist.

Es geht auch anders

Auch ambitionierte und talentierte mexikanische Filmemacher wie Alejandro Gonzáles Iñárritu (Amores Perros), Luis Estrada (El infierno), Gerardo Naranjo (Miss Bala) und Amat Escalante (Heli) zeigen in drastischen Bildern wie die mexikanische Gesellschaft zunehmend verroht.

Allerdings wäre es unfair, diese Filme mit den opportunistischen Narcofilmen über einen Kamm zu scheren. Tatsache ist: Solange eine Nachfrage nach Drogen besteht, gibt es Mord und Totschlag – und Narco Cinema.

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The Vice Guide to Film - Mexico

24 min, aus Box Office vom 7.7.2011

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «The Vice Guide to Film - Narco Cinema»

    Aus Box Office vom 16.6.2013

    Seit über zehn Jahren tobt in Mexico ein Drogenkrieg. Die Armee und 35'000 Bundespolizisten kämpfen gegen 300'000 Angehörige der mexikanischen Drogenkartelle. 70'000 Menschen sind dem Konflikt seit 2006 zum Opfer gefallen. Der Drogenkrieg gehört zum mexikanischen Alltag. Es hat sich sogar ein Filmgenre gebildet, dass sich ausschliesslich diesem Konflikt widmet: Das Narco Cinema. In der Doku-Reihe «The Vice Guide to Film».

    Bernhard Koellisch

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