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Film & Serien Dunkles Kapitel: Ein Judenmord in der Schweiz

1942, Kanton Waadt: Als Beweis der Treue zu Hitler wird im Dorf Payerne ein jüdischer Viehhändler ermordet. «Un Juif pour l'exemple» ist ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte. Der Waadtländer Schriftsteller Jacques Chessex hat den Fall aufgearbeitet und wurde dafür angefeindet.

Legende: Video «Im Kino: «Un Juif pour l'exemple»» abspielen. Laufzeit 2:50 Minuten.
Aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 14.09.2016.

Payerne, 1942: In dem kleinen Städtchen in der Westschweiz beschliessen ein paar junge Männer zu Hitlers Geburtstag ein Exempel zu statuieren. Sie wollen einen Juden umbringen, um ihre Treue zum Führer unter Beweis zu stellen. Opfer soll der jüdische Viehhändler Arthur Bloch (Bruno Ganz) werden.

Payerne ist die Stadt der Metzger. Die Erde riecht nach Blut der Rinder und Säue, die hier seit Jahrhunderten geschlachtet werden. Es ist eine harte Zeit, Fabriken schliessen, Höfe müssen verkauft werden.

Im Film wird schnell klar, dass aus einem normalen Bauern und seiner gescheiterten Existenz auch ein Mörder werden kann. Unter Anleitung eines sadistischen Naziverehrers kommt eine Handvoll solcher Existenzen zusammen und beschliesst ihre Tat umzusetzen.

Legende: Video ««Un Juif pour l'exemple»» abspielen. Laufzeit 2:21 Minuten.
Aus Tagesschau vom 14.09.2016.

Banalität des Bösen

Regisseur Jacob Berger versucht diese «Banalität des Bösen» in Filmtableaus zu fassen. Er bleibt auf Distanz, lässt in totalen Einstellungen spielen und will das Thema in die Gegenwart holen.

Für ihn sind die Willkür in der Auswahl des Opfers, die Unbeholfenheit der Täter und die daraus resultierende Brutalität ein Hinweis darauf, dass die Barbarei jederzeit zuschlagen kann.

Er verweist dabei auf die religiösen Fundamentalisten und die dabei entstehende Angst vor dem Terror.

Stilmittel der Gegenwart

Berger verwendet ein paar Kniffe, um die Geschichte aus den 1940er-Jahren ins Heute zu holen.

So baut er den Schriftsteller Jacques Chessex ein, der 2009 mit einem Buch diesen Fall aufgearbeitet hatte und damit in Payerne ein Erdbeben der Empörung auslöste. Er hatte als achtjähriger Junge diese Geschichte miterlebt und nie mehr vergessen können.

Um nicht der Ästhetik der üblichen Nazifilme zu verfallen, verwendet Berger neben Kostümen von damals auch solche von heute.

Diese Vermischung (Polizeiuniformen von heute, Autogaragen von damals) vermag als Stilmittel aber nicht immer zu überzeugen.

Bittere Kenntnis

Als der Viehhändler Bloch ermordet und zerstückelt im See versenkt wird und der Mantel des Schweigens auf Payerne fällt, springt der Film vollends in die Gegenwart.

Denn als Chessex 2009 seine Aufarbeitung des Falls veröffentlichte, erlebte er eine Hetzkampagne, die er nicht für möglich gehalten hätte. Auch die ist abgebildet.

So entstehen im Film zwei Teile: eine historische Annäherung an den Fall Bloch und die bittere Erkenntnis, dass die dunklen Kapitel der Geschichte viel Zeit brauchen, um überhaupt verarbeitet werden zu können.

Kinostart: 15.09.2016

Legende: Video «Vier Fragen an Bruno Ganz» abspielen. Laufzeit 4:12 Minuten.
Vom 07.08.2016.

Sendung: Kultur Aktuell, 14.9.2016 um 8.10 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur

5 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Müller (Philipp)
    Und für das Thema Juden hat es immer wieder Platz und auch Geld steht zur Verfügung um uns die Vergangenheit immer und immer wieder präsent zu halten. Herr Lüthi ich stimme Ihnen zu, dass uns ins schlechte Gewissen geredet wird. Das ist aber nicht nur in der Schweiz so. Das wird bei verschiedenen Anlässen probiert. Die Schweiz ist eine 'störrische' und widerspenstige Nation und dieses Land hat guten Grund Stolz auf diese Einstellung zu sein.
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  • Kommentar von Manuel Pestalozzi (M. Pestalozzi)
    Ich kenne den Film nicht, der entsetzliche, hinterhältige Mord ist mir aber bekannt. Vielleicht sollte man sich auch mit den Anfeindungen von Chessex etwas differenzierter auseinandersetzen. Offenbar haben in der Region Payerne Leute seine Aufarbeitung des Falls als kollektive Schuldzuweisung verstanden. Ob das in diesem Fall gerechtfertigt und sinnvoll ist, sollte man schon diskutieren.
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  • Kommentar von Helmut Steigele (steigele)
    Nun, wenn man nichts mehr lernen will, ist diese Einstellung nachvollziehbar. Da Gotthelf dem Moralisieren immer näher stand als dem vorwärts gerichteten Lernen, ist das Zitat nicht länger verwunderlich. Das Bewahren wurde immer höher gewichtet als die Anpassung an die Realitäten der Umwelt. Wenn Sie genau hinschauen, werden Sie auch genügend Selbstlob in den Medien finden, beginnend beim "Wir sind Innovationsweltmeister, wir sind die effektivsten Mülltrenner, etc. etc..."
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