Ein Amerikaner entdeckt die sozialen Vorzüge Europas

Seit Jahren prangert Filmemacher Michael Moore die gesellschaftlichen Zustände in den USA an. In seiner neusten Doku-Satire «Where to Invade Next» bereist er Europa. Sein Ziel: die besten sozialen Konzepte zu klauen. Das ist unterhaltsam, aber fördert – vor allem für Europäer – nichts Neues zu Tage.

Ein Mann mit Sonnenbrille, in deren Gläser sich die amerikanische Flagge spiegelt.

Bildlegende: Regisseur Michael Moore betrachtet Europa – durch die US-amerikanische Brille. Dog Eat Dog Films

Sechs Jahre sind vergangen, seit der meistdiskutierte Dokumentarfilm-Polemiker letztmals seiner Unzufriedenheit mit dem amerikanischen Sozialsystem Ausdruck verliehen hat – mit «Capitalism: A Love Story». In «Where to Invade Next» bereist er nun europäische Länder auf der Suche nach gesellschaftlichen Errungenschaften, die er danach in die USA importieren will.

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Ein Loblied auf Europa

3:56 min, aus 10vor10 vom 23.2.2016

Frauenquoten und staatlich finanzierte Ausbildungen

Dabei erfindet sich Moore auch auf dem alten Kontinent nicht neu: Seine Zielscheibe sind nach wie vor die sozialen Defizite in den USA, die er allerdings nur indirekt anprangert. Was er derweil in Europa an mehr oder weniger praktikablen Lösungen vorfindet – von Frauenquoten über gutbezahlten Urlaub bis zu staatlich finanzierter Ausbildung – entspricht seinem üblichen politischen Programm und hat wenig mit der europäischen Realität zu tun.

«Where to Invade Next» ist in erster Linie ein Film eines Amerikaners für Amerikaner. Wir Europäer sind darin «they» und «them», und wir leben alle in paradiesischen Wohlfahrtsverhältnissen, wie es scheint. Diese etwas verzerrte Sicht auf die Sachlage nimmt dem Film einiges an Schlagkraft auf europäischem Boden – auch wenn Moores Komik besser funktioniert als auch schon und der Film zu seinen vergnüglichsten überhaupt gehört.

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Trailer: «Where to Invade Next»

1:20 min, vom 25.2.2016

Schlecht vermarktet

In den Staaten hat «Where to Invade Next» die Kinokassen weit weniger laut klingeln lassen als Moores bisherige Filme. Das ist einerseits einer Reihe von organisatorischen Pannen geschuldet: Die Vermarktungsstrategie war suboptimal, das Startdatum wurde verschoben und Moore musste einen wesentlichen Teil der Promotionsarbeit krankheitshalber absagen.

Aber es gibt noch weitere Gründe dafür, dass Moores Comeback nicht so ganz an die früheren Erfolge anzuknüpfen vermochte. Zuerst einmal hat sich das mediale Umfeld seit Moores Anfängen verändert: Männer wie Stephen Colbert, Jon Stewart und John Oliver haben im Fernsehen radikalere Formen der Politsatire etabliert. Dagegen ist Moores Form von Komik fast schon bieder. Denn Tabus bricht Moore eigentlich keine, selbst wenn er heisse Eisen anfasst.

Mit schulmeisterlichem Ton

Hinzu kommt, dass Moore längst nicht mehr der schlitzohrige Underdog ist, der vor Jahren mit originellen Methoden gegen ausbeuterische Grosskonzerne oder die Bush-Familie ins Feld zog. Vielmehr ist er ein etablierter Filmemacher, der hier ohne konkretes Feindbild seine bekannte Sicht auf die Welt präsentiert – und der bei allen gelungenen Gags den schulmeisterlichen Ton nicht immer unterdrücken kann.

Letztlich aber sprechen wir ganz einfach von schlechtem Timing: In den USA finden zurzeit Wahlen statt. Dazu trägt Moores «Where to Invade Next» nichts bei. Im Gegenteil: Die amerikanische Bevölkerung wird im Moment von allen Seiten grosszügig mit politischen Reformvorschlägen, Meinungen und Versprechen eingedeckt. Da sind Moores teils utopische Konzepte nicht mehr als Beigemüse – wenn auch bedenkenswertes Beigemüse.

Kinostart: 25.2.2016

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