Eine märchenhafte Kindheit – trotz Hungersnot

Das hatte man in Cannes noch nie gesehen: Diesen Frühsommer wurde ein Film aus Äthiopien im Hauptprogramm des Festivals gezeigt. «Lamb» – jetzt im Kino – handelt von einem Jungen und einem Lamm. Regisseur Yared Zeleke erzählt damit auch eine Geschichte seiner Heimat.

Ein Junge steht auf einer Erhöhung und schaut auf eine weitreichende, grüne Berg- und Tallandschaft.

Bildlegende: Die anrührende Geschichte erzählt vom Weg eines Jungen und eines Lamms in die Freiheit. Trigon

Yared Zeleke, Sie erzählen in «Lamb» die Geschichte eines Jungen. Dieser soll ausgerechnet ein Lamm schlachten – seinen treusten Begleiter. Stand diese Konfliktsituation am Anfang des Spielfilmprojekts?

Nicht nur. Am Anfang war vielmehr die Erfahrung, dass ich im Alter von zehn Jahren eine märchenhafte Kindheit in Äthiopien hinter mir lassen musste. Ich verlor alle Menschen, die ich kannte und liebte. Danach war ich in den USA auf mich selbst gestellt. Mein Kinderherz war gebrochen. Beim Schreiben war es mein erstes Bedürfnis, dieses Trauma und diese Trauer zu bewältigen. Daher steht im Zentrum der Geschichte ein Junge, der mit Verlust umgehen muss – allerdings im fröhlichen und bunten Umfeld, das ich als Kind erlebte.

Eine märchenhafte Kindheit in Äthiopien? Zu einer Zeit, als dort Hungersnot herrschte?

Ja, warum nicht? Märchen sind kein europäisches Privileg (lacht). Eine Kindheit kann überall auf der Welt märchenhaft sein. Wie die meisten Äthiopier wurde ich als orthodoxer Christ erzogen: Ich erinnere mich an festliche Anlässe, war Teil einer Gemeinschaft und wurde von mehreren Menschen erzogen, insbesondere von meiner Grossmutter. Da gab es viel Kaffee, Umarmungen, Wärme ... Ja, es war zauberhaft!

Das erklärt dann wohl auch, warum in ihrem Film so viele starke weibliche Figuren vorkommen.

Ja. Während ich wohlbehütet aufwuchs, herrschte im Land eine ganz andere Realität: Äthiopien war im Krieg mit Eritrea und Somalia. Wir lebten in einer kommunistischen Diktatur. Daher waren die Männer entweder im Militär, im Gefängnis oder auf der Flucht, wie auch mein Vater. So wurde ich von starken, wunderschönen Frauen wie meiner Grossmutter erzogen. Ihr ist übrigens auch der Film gewidmet.

Es gibt aber geschlechtsspezifische Vorurteile in dieser Gesellschaft: Als der Junge lieber in der Küche hilft statt auf dem Acker, wird er dafür ausgelacht. Ein Mädchen wird dafür gerügt, dass es die Zeitung liest und studieren möchte. Da sieht man nicht nur die alten Traditionen des Landes, sondern auch eine gewisse Engstirnigkeit.

Ich würde mich selbst nicht als einen Traditionalisten bezeichnen – aber das bedeutet nicht, dass ich alle Traditionen für überflüssig halte. Es gibt wunderbare Traditionen in Äthiopien, von denen ich hoffe, dass sie nie aussterben: Dass man mit den Nachbarn Kaffee trinkt und gemeinsam therapeutische Momente verbringt oder dass man den älteren Menschen mit Respekt begegnet. Auf andere Traditionen hingegen – wie die Haltungen, die Sie erwähnt haben – kann ich auch ganz gut verzichten.

Würden Sie in diesem Zusammenhang auch von einem Generationenkonflikt sprechen?

Ich würde eher dafür plädieren, dass ein Nebeneinander möglich ist. So habe ich das auch in den Film eingebaut. Einerseits verkörpert «Mama» die alten Traditionen, andererseits steht die rebellische Teenagerin für meine Hoffnung auf ein moderneres Äthiopien, auf ein Land mit mehr Bildung und mehr Intellekt.

Wir haben noch gar nicht über die Schlüssel- und Titelfigur des Films gesprochen: Das Lamm. Ging es Ihnen hier um eine konkrete Mensch-Tier-Beziehung, oder darf man das auch symbolisch verstehen?

Es ist sowohl konkret als auch symbolisch gemeint. Einerseits haben wir da die ganz konkrete Geschichte eines Jungen, der verhindern will, dass sein bester Freund gegessen wird. Aber da ist natürlich noch mehr: Das Lamm hat sowohl in der christlichen als auch in der muslimischen Religion einen hohen rituellen Stellenwert. Und das Lamm steht natürlich auch für die Unschuld, die der Junge nach und nach verliert.

Das heisst, «Lamb» ist auch ein Coming-of-Age-Film?

Aber natürlich, unbedingt!

Kinostart: 22.10.15

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.10.2015, 17:06h

Yared Zeleke

Yared Zeleke

Imago/Zuma

Yared Zeleke (geboren 1978 in Addis Ababa) absolvierte sein Filmstudium an der Filmschule der New Yortk University. «Lamb» ist sein Spielfilmerstling.

Der Film

Der Film

Der 9-jährige Ephraim hat seine Mutter verloren und wird vom Vater zu Verwandten auf einen entlegenen Hof gebracht. Von Heimweh geplagt, versucht Ephraim, für sich und sein geliebtes Schaf Chuni eine Fahrkarte zu ersparen. Dabei hilft ihm die rebellische Tsion. Die anrührende Geschichte erzählt vom Weg eines Jungen und eines Lamms in ihre Freiheit.