«Everest» zeigt den Gipfeltourismus als gigantische Katastrophe

Den Mount Everest zu erklimmen, galt lange als Heldenakt und war Spitzensportlern vorbehalten. Erst in den 90er-Jahren wurde die Reise zum höchsten Punkt der Erde ein Abenteuer, das sich jedermann erkaufen konnte. Allerdings nur vermeintlich, wie das topbesetzte US-Bergdrama «Everest» unterstreicht.

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Keine 3 Minuten: «Everest»

2:12 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 17.9.2015

Der 3D-Brocken «Everest» erzählt von den dramatischen Ereignissen am heiligen Berg im Mai 1996. Von einem Unwetter überrascht, gerieten gleich mehrere Expeditionsgruppen in grösste Not. Bekannt wurde der Überlebenskampf von rund 30 Bergführern und Gipfeltouristen durch den Bestseller «Into Thin Air» von Jon Krakauer. Dieser nahm vor allem aus einem Grund an der Expedition teil: Um die anderen Teilnehmer zu fragen, warum sie sich freiwillig all den Strapazen aussetzen, die eine Everest-Besteigung mit sich bringt.

    • Jason Clarke als Expeditionsleiter Rob Hall im Schneegestöber auf dem Mount Everest.

      Bildlegende: Jason Clarke als Expeditionsleiter Rob Hall im Schneegestöber auf dem Mount Everest. Universal

      Das stärkste Zitat

      Der von Jason Clarke («Terminator Genisys») gespielte Expeditions-Leiter Rob Hall klärt die Teilnehmer über die Gefährlichkeit ihres Vorhabens auf: «Menschen sind schlichtweg nicht dafür geschaffen, auf der Reiseflughöhe einer 747 zu funktionieren. Ab 7‘000 Metern beginnen unsere Körper zu sterben. Und zwar ganz buchstäblich. Nicht umsonst wird das Gebiet oberhalb dieser Grenze Todeszone genannt. Die Frage ist also: Kriegen wir euch rauf und wieder runter, bevor das passiert?» Ein Blick in die Statistik lässt Böses erahnen: Zirka 250 Menschen haben seit der Erstbesteigung im Jahr 1953 ihr Leben auf dem Weg zum 8848 Meter hohen Berggipfel verloren.

    • Regisseur Baltasar Kormákur anlässlich der Filmpremiere von «Everest» in Venedig.

      Bildlegende: Regisseur Baltasar Kormákur anlässlich der Filmpremiere von «Everest» in Venedig. Reuters

      Der Regisseur

      Der Isländer Baltasar Kormákur begann seine Filmlaufbahn als Schauspieler, bevor ihm mit «101 Reykjavík» der grosse Durchbruch als Regisseur gelang. Die skurrile Komödie bot trotz satirischer Überhöhung köstliche Einblicke in die isländische Lebenswelt und wurde mit vielen Preisen bedacht. In Locarno erhielt Kormákurs Buchverfilmung anno 2000 die Auszeichnung der Jugendjury. Nach weiteren Erfolgen als Produzent, Regisseur und Schauspieler ging er nach Hollywood, um zwei Actionfilme mit Mark Wahlberg zu drehen: «Contraband» und «Two Guns», mit dem er 2013 nach Locarno zurückkehrte. «Everest» ist mit einem Budget von 65 Millionen Dollar sein bisher teuerster Film.

    • Der texanische Millionär Beck Weathers (Josh Brolin) akklimatisiert sich auf dem Dach der Welt.

      Bildlegende: Der texanische Millionär Beck Weathers (Josh Brolin) akklimatisiert sich auf dem Dach der Welt. Universal

      Fakten, die man wissen sollte

      «Everest» wurde teils an Originalschauplätzen in Nepal, teils in den italienischen Dolomiten, teils in einem Londoner Filmstudio gedreht. Das Ergebnis sieht dank Computertricks erstaunlich homogen aus. David Breashears, einer der Überlebenden der Katastrophe, bestätigte im Rahmen der Weltpremiere auf dem Filmfestival von Venedig die Realitätsnähe des 3D-Epos. Kormákurs Drama liess seine eigenen Erinnerungen an die Katastrophe wach werden: «Innerhalb einer halben Stunde verwandelte sich das Wetter von einem strahlend blauen Himmel in eine schwarze Riesenwolke, die den Berg hinaufschoss. Der Lärm war ohrenbetäubend. Wind mit einer Geschwindigkeit von 150 Kilometern pro Stunde. Es war so, als würde der Berg alle abschütteln und sagen: Genug!»

    • Jake Gyllenhaal als sichtlich von der Kälte gezeichneter Bergführer.

      Bildlegende: Jake Gyllenhaal als sichtlich von der Kälte gezeichneter Bergführer. Universal

      Das Urteil

      «Everest» ist ein mitreissender Film, der seinem Publikum zwei recht unterschiedliche, ja fast schon konträre Dinge vermittelt. Einerseits lässt er die Zuschauer mit eindrücklichen Bildern an der Sogwirkung teilhaben, welche vom grössten Koloss im Himalaya-Gebirge ausgeht. Andererseits macht er genau diesen Sog zum Ursprung der Katastrophe. Immer mehr Menschen wollen den Gipfel erklimmen – ungeachtet dessen, ob sie die körperlichen Voraussetzungen dafür mitbringen. Und immer mehr Bergführer begreifen den Everest-Tourismus als lukratives Geschäft – ungeachtet der Gefahren, welche die Kommerzialisierung mit sich bringt. Regisseur Baltasar Kormákur zeigt somit gleich zwei Katastrophen: das tragischen Schicksal der Expeditionsteilnehmer vom Mai 1996 und die gravierenden Folgen des Gipfeltourismus für den heiligen Berg.

Kinostart: 17. 9. 2015