70. Filmfestival Cannes Dieser Türkei-Film bescherte der Schweiz eine Goldene Palme

35 Jahre nach dem Cannes-Sieg ist «Yol» noch immer einer der besten Filme über die Türkei. Die Regie-Anweisungen für die Schweizer Produktion kamen einst direkt aus dem Knast.

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«Yol» – Schweizer Cannes-Gewinner 1982

1:54 min, vom 20.5.2017

  • Der von der Schweizer Firma Cactus produzierte Cannes-Gewinner von 1982 wird zum 70-Jahre-Jubiläum des Festivals in einer revidierten Fassung gezeigt.
  • Yilmaz Güneys regimekritischer Spielfilm begleitet türkische Sträflinge auf ihrem Weg nach Hause.
  • Das Drehbuch zu «Yol» schrieb Yilmaz Güney im Gefängnis. von wo er auch die Dreharbeiten koordinierte. Während eines Hafturlaubs gelang ihm die Flucht.

Moral und Tradition

Das Opferfest Bayram ist in der Türkei heilig. Sogar Gefängnisinsassen dürfen dann zu ihren Familien. Der Spielfilm «Yol» begleitet mehrere türkische Sträflinge auf ihrem Weg nach Hause. Dabei wird klar, wie unfrei sie auch während des Hafturlaubs sind – gefangen in den Fesseln von Moral und Tradition.

Filmstill: Zwei Männer halten ein Mann, der sich verzweifelt wehrt.

Bildlegende: Ein Abgesang auf die repressive Türkei: Cannes-Gewinner «Yol». Filmfestival Cannes

Produziert hat den Film die Zürcher Firma Cactus. Deren damaliger Verleihchef Donat Keusch ist dafür verantwortlich, dass «Yol» nun wieder in Cannes zu sehen ist. Der Klassiker wird pünktlich zum 70-Jahre-Jubiläum des Festivals in einer überarbeiteten Fassung gezeigt. Die Version, die 1982 triumphierte, war nämlich gar nicht diejenige, die Regisseur Yilmaz Güney vorgesehen hatte.

Robin Hood der Türkei

Yilmaz Güney war damals eine nationale Berühmtheit, dessen Bekanntheitsgrad nur von Staatsgründer Atatürk übertroffen wurde. Seine sagenhafte Popularität verdankte Güney Filmen, in denen er als Robin-Hood-Verschnitt den Volkshelden markierte.

Als Schauspieler war er in den 1970er Jahren so etwas wie der Jean-Paul Belmondo der Türkei. Nur die Regierung konnte sich nicht für den sozialkritischen Hitzkopf begeistern. Im Gegenteil: Ihr kam es gelegen, dass sie den Kurden Güney 1976 einsperren konnte, nachdem dieser in eine Schiesserei verwickelt worden war.

Abgesang auf die Repression

Das Drehbuch zu «Yol», ein Abgesang auf die repressive Türkei, schrieb Yilmaz Güney im Gefängnis. Und auch gedreht wurde der Film nach genauen Anweisungen aus dem Knast.

Eine umso wichtigere Rolle spielten die Schweizer Produzenten, allen voran Donat Keusch. Nachdem sich das Militär in Ankara an die Macht geputscht hatte, flog dieser 1981 in die Türkei. Sein geheimes Ziel: Gemeinsam mit Güney einen Fluchtplan aushecken.

FIlmstill: Ein Mann trägt eine Frau auf dem Rücken.

Bildlegende: Unfrei im Hafturlaub: «Yol» zeigt türkische Sträflinge, gefangen in Tradition und Moral. Filmfestival Cannes

Filmreife Flucht

Der Plan sah vor, Güney während eines Hafturlaubs vom Badeort Kemer aus mit dem Schiff über die Landesgrenze zu bringen. Dafür wurde unter anderem ein Drogenschmuggler als Kapitän angeheuert, wie uns Donat Keusch in Cannes erzählte.

Bevor die Flucht beginnen konnte, musste aber zunächst ein plausibler Vorwand für Güneys Reise nach Kemer her. Diese verkaufte Keusch den türkischen Behörden schliesslich als Location-Suche für einen geplanten Kinofilm namens «Transit».

Ein fingiertes Filmprojekt als Deckmantel für die Flucht? Das klingt schwer nach Hollywood, genauer nach Ben Afflecks «Argo». Keusch weiss um die Parallelen zum faktenbasierten Oscar-Hit: «Es ist bei uns tatsächlich ganz ähnlich gelaufen – einfach ohne die CIA im Hintergrund.»

Der lange Weg zur «Full Version»

Nach der geglückten Flucht montierte Güney im Exil «Yol» und reichte den 135-minütigen Film im April 1982 für die Filmfestspiele von Cannes ein. Der damalige Festival-Direktor Gilles Jacob wollte das Drama aber nur unter einer Voraussetzung zeigen: Wenn es eine Lauflänge von 110 Minuten nicht überschreitet. Also wurde eiligst ein ganzer Handlungsstrang entfernt.

Filmstill: Ein Mann hebt den Arm eines leblos am Boden liegenden Menschen.

Bildlegende: Alte Schnittpläne, neue Tonmischung: «Yol» läuft dieses Jahr in Cannes in einer revidierten Fassung. Filmfestival Cannes

Für den finalen Feinschliff fehlte in der Folge schlicht die Zeit. «Die Qualität der Bilder war ziemlich schlecht auch die Tonmischung war richtig schwach. In einigen Passagen waren Bild und Ton sogar asynchron.» Nichtsdestotrotz gewann der Film die Goldene Palme.

Danach ging alles sehr schnell. Cactus war damit beschäftigt, die 108-minütige Festivalfassung von «Yol» in über 50 Länder zu verkaufen. Yilmaz Güney kämpfte derweil mit einem Krebsleiden, dem er 1984 schliesslich erlag.

Die 112-minütige «Full Version», die Donat Keusch nun in Cannes präsentiert, fusst auf Güneys alten Schnittplänen und einer neuen Tonmischung. Es darf vermutet werden, dass sie der ursprünglichen Vision des Filmemachers – der heuer 80 geworden wäre – am nächsten kommt.