70. Filmfestival Cannes Schmerzliches Familientreffen mit Adam Sandler und Ben Stiller

«The Meyerowitz Stories» von Noah Baumbach ist anspruchsvoller, als er sich gibt. Das ist so unterhaltsam wie nachklingend.

Ben Stiller, Adam Sandler und Elizabeth Marvel sitzen an Tisch.

Bildlegende: Die Meyerowitz-Geschwister Matthew (Ben Stiller), Danny (Adam Sandler) und (Jean (Elizabeth Marvel). Netflix

Adam Sandler und Ben Stiller sind die Halbbrüder Meyerowitz, Dustin Hoffman spielt ihren Vater, Emma Thompson dessen dritte Frau.

Nein, «The Meyerowitz Stories» ist keine Klamauk-Komödie. Adam Sandler war noch nie so ernsthaft und so gut, Emma Thompson selten so betrunken. Und Dustin Hoffmann? Nun, in «Little Big Man» war er schon älter. Aber eigentlich war er noch nie so alt und grantig und rührend und hilflos und zugleich unausstehlich.

Mitten aus New York

Noah Baumbach erzählt wieder, wie in seinem Durchbruch-Hit «Frances Ha», mitten aus New York heraus in die Welt hinein. Zunächst sehr amerikanisch, sehr Big Apple, locker, verspielt, souverän neurotisch wie in den besten Woody Allen-Filmen.

Adam Sandlers Danny kommt mit dem Auto und seiner eben ausfliegenden Tochter Eliza ins Stadthaus seines Vaters, dem pensionierten Kunstlehrer und Skulptur-Künstler Harold Meyerowitz. Seine Schwester Jean ist schon da, Harolds dritte Frau («Total besoffen», warnt Jean) hat einen Haifisch-Eintopf gekocht und einen Hund gekauft.

Weil Eliza aufs College geht, können sich ihre Eltern endlich trennen und Hausmann Danny, der keinen Beruf gelernt und kein Einkommen hat, will für die Übergangszeit im Haus seines Vaters unterkommen.

Dustin Hofmann und Emma Thompson stehen nebeneinander.

Bildlegende: Er war er noch nie so alt und grantig, sie noch nie so besoffen: Dustin Hofmann und Emma Thompson. Netflix

Die Figuren reden aneinander vorbei

Das ist die Ausgangslage für diesen Film, der in einzelnen Kapiteln die Meyerowitz-Familienmitglieder vorstellt. Scheidungskinder in Scheidung, frustrierte Halbgeschwister, der erfolgreiche Finanzmanager Matthew (Ben Stiller), auf den der Vater sozusagen ausschliesslich stolz ist, der aber seinerseits mindestens so viel Vaterfrust mit sich herumträgt wie seine Halbgeschwister.

Baumbach erzählt flüssig, die Figuren reden aneinander vorbei, nicht wie im klassischen Mumblecore, sondern artikuliert und trennscharf auf der Tonspur. Wer aufpasst, bekommt doppelt so viel Monolog in der Zeit, in welcher andere Filme halb soviel Dialog durchjagen.

Die Geschichten gehen unter die Haut

Zu Beginn des Films bewahren all diese New Yorker die Haltung, auch wenn sie sich grausam auf die Nerven gehen. Später wird einiges komplizierter und auch schmerzlicher, zum Glück. Denn mit diesen Themen, insbesondere frustrierte Kinder und das Altern der Eltern, gehen die «Meyerowitz Stories» zunehmend unter die Haut.

Dabei bleibt das ein schön ausgestatteter, sehr diskret gefilmter und montierter Schauspieler-Film. Nichts lenkt ab, keine formalen Spielereien, mit Ausnahme der abrupten Tonschnitte an den Kapitelenden. Die wirken wie ein Abreissen. Die hellen Zwischentitel, welche die Geschichte des nächsten Familienmitglieds ankündigen, unterbrechen den Erzählfluss, der dann aber ohne Duktusveränderung einfach weitergeht.

Der Film klingt nach

Viele der Dialoge und alle der Un-Dialoge sind urkomisch. Dazu kommen Alltagsbeobachtungen, Idiosynkrasien der Figuren, vor allem jene des wirklich alterssturen Harold, und zunehmend Ausbrüche und Ausraster, die für eine dramaturgische Dichte im oberflächlich eleganten Erzählen sorgen.

«The Meyerowitz Stories» reihen sich auf den ersten Blick nahtlos ein in die grosse Tradition der amerikanischen Familientreffen wie «Home for the Holidays» von Jodie Foster, die meist eine Figur ins Zentrum rücken. Aber in ihrer dezentralen, flüssigen, multiperspektivischen Erzählweise sind sie doch auch wieder einzigartig. Dieser Film ist anspruchsvoller und schmerzlicher, als er sich gibt, und damit so unterhaltsam wie nachklingend.

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.