70. Filmfestival Cannes «The Square»: Weisses Quadrat mit goldenen Aussichten

Ein Kino-Kunststück, das das Satire-Potenzial bis zum Anschlag ausreizt: Der Schwede Ruben Östlund stellt in seinem zweiten Spielfilm die Prinzipien eines Kurators auf die Probe.

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«The Square» – Satire auf die Kunstwelt

1:42 min, vom 21.5.2017

Ruben Östlund hat schon mit seinem letzten Cannes-Film «Force majeure» ein extremes Sozialkonstrukt konsequent abgehandelt. Der Ehemann und Vater, der in Panik vor einer Lawine flüchtet und seine Familie im Stich lässt, ist ein Vorläufer der Figur von Christian in «The Square».

Ein Mann mit chnauz und Brille sitzt in einem leeren Raum.

Bildlegende: Noch lächelt er: Claes Bang als Museumskurator Christian. Xenix Filmdistribution

Quadrat und Utopie

Als Kurator und Spezialist für moderne Kunst ist Christian (Claes Bang) theoretisch bestens beschlagen. Es fällt ihm nicht schwer, seinem Publikum das Konzept von «The Square» zu vermitteln: Es handelt sich um ein weiss eingegrenztes Quadrat von vier auf vier Meter auf einem beliebigen öffentlichen Platz.

«Das Quadrat ist ein Refugium für Vertrauen und Fürsorge. Innerhalb seiner Grenzen teilen wir alle die gleichen Rechte und Pflichten» Dass dieser Satz im Kern den modernen demokratischen Sozialstaat definiert, versteht sich von selbst. Und dass die Vorstellung utopisch bleibt, noch viel mehr.

Reingefallen

Nicht nur Christian – aber vor allem er – wird im Verlauf des Films in seinem Alltag immer wieder auf die Probe gestellt, was seine hehren Prinzipien angeht.

Da zeigt er etwa Zivilcourage und schützt gemeinsam mit einem Unbekannten eine schreiende Frau vor ihrem offenbar gewalttätigen Verfolger. Wenig später stellt er fest, dass es sich dabei um ein raffiniertes Spiel von Taschendieben gehandelt hat.

Oder als er in einem Sozialblock das Computersignal seines Mobiltelefons ortet. Er steckt Drohbriefe an den Dieb in alle Briefkästen. Damit löst er eine Kettenreaktion aus, die ihn später einholen und zur Verantwortung rufen wird.

Da taucht ein wütender Junge auf, der von ihm verlangt, er solle die Anschuldigungen zurücknehmen und ihn vor seiner Familie rehabilitieren.

Ausweichen, einsehen

«The Square» ist ein Experimentierkasten mit einigem Satire-Potenzial, das bis zum Anschlag ausgereizt ist. Es ist aber auch ein Film mit viel Ernsthaftigkeit.

Dass die Einfälle bei diesem Film auf allen Ebenen überborden, die Satire und das Experiment Hand in Hand gehen, führt einerseits zu einer gewissen Uferlosigkeit, die auch formal nicht zu bändigen ist.

Ein Mann baut sich vor einer Frau auf, im Hintergrund eine Stuhl-Skultpur.

Bildlegende: Stehen sich zwischenzeitlich noch näher: Elisabeth Moss, Claes Bang. Xenix Filmdistribution

Andererseits sind die 102 Minuten so durchgehend unterhaltsam, erschreckend, amüsant oder auch furchteinflössend, dass man über lose Fäden, unaufgelöste Plotmechaniken oder konsequenzfreie Performances gerne hinwegsieht.

Eine wunderbare Wundertüte

Im Hinblick auf seine künstlerische Verspieltheit ist «The Square» ein Verwandter von Stefan Sagmeisters «The Happy Film». Dramaturgisch steht der Film dann doch wieder viel näher bei «Force majeure».

In Sachen Bildwitz steht alles im Dienst der Idee einer sozialen Verantwortung, die bei jedem einzelnen liegt und nicht bei einer abstrakten Gesellschaft, die stets aus den anderen besteht. Insofern ist «The Square» wieder mehr eine Wundertüte als ein kompaktes Kunstwerk.

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.