Blutige Stilübung in surrealem Horror

Das Regie-Duo Hélène Cattet und Bruno Forzani ist mit dem surrealen Thriller «L'Étrange couleur des larmes de ton corps» in Locarno im Wettbewerb vertreten. Mit ihrem Kaleidoskop an blutigen Bildern verweisen die Franzosen nicht zum ersten Mal auf die italienischen Thriller der 60er- und 70er-Jahre.

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Trailer zu «L'étrange couleur des larmes de ton corps»

0:23 min, vom 13.8.2013

Wenn man die letzten Bilder dieser Stilübung in surrealem Horror wörtlich nimmt, dann handelt es sich bei «L’étrange couleur des larmes de ton corps», der seltsamen Farbe der Tränen deines Körpers, ganz banal um das Menstruationsblut der älteren Schwester eines traumatisierten Jungen.

Und das ist auch das grösste Problem des Films: Nimmt man ihn zum Nennwert, bleibt nicht viel von ihm übrig. Hélène Cattet und Bruno Forzani erweisen sich einmal mehr als stilsichere Apologeten des klassischen Giallo (s. Kasten). Sie beherrschen die die verschiedenen Elemente des surrealen Horrors wie die Innenarchitektur, Wahrnehmungsverschiebungen, blutige Momente und eine ätherische Tonspur.

Blutige Wunden

Aber sie bauen ein sehr dünnes Gerüst auf, um ihre Bilder wie Spinnweben darüber zu spannen: Ein Mann kehrt von einer Geschäftsreise zurück in ein grossartiges Art-Déco-Haus in Brüssel, und findet seine Frau nicht mehr in der Wohnung – obwohl die Sicherheitskette an der Tür vorgelegt war. Die Tonspur und Bilder eines Frauenkörpers und eines Messers haben uns schon darauf eingestimmt, dass mit der Frau allenfalls etwas Schreckliches passiert sein könnte. Aber nun vermischen die Filmemacher diverse Einflüsse zu einem Kaleidoskop optischer und akustischer Eindrücke. Immer wieder werden blutige Wunden geschlagen, fahren Messer in Körper oder Glasscherben unter die Haut. Der Mann wird nicht nur zum Doppel-, sondern gleich zum Trippelgänger und verletzt sich selber gegenseitig.

Das alles ist stilistisch eindrücklich und opulent, zitiert die italienischen Einflüsse der 70-Jahre nicht nur über die Musikspur, und David Lynch nicht nur über Motive. Aber die Lyncherei und die Giallerei führen in eine grosse Leere; die eindrücklichen Bilder und die wunderbare Inszenierung der Jugendstil-Architektur drehen sich um sich selber und wirken zunehmend ermüdend.

Ritual statt Erzählung

Der Film hat mich an die prätentiöse Leere von Nicolas Winding Refns «Only God Forgives» erinnert. Bei beiden Filmen ist eine Generation von Filmemachern am Werk, welche ihre Vorbilder perfekt verinnerlicht hat, und den Stil zum Selbstzweck macht. Solche Filme haben den Charakter eines perversen Gottesdienstes für Gläubige, sind inhaltslose Versicherung einer Passion, eher Ritual als Erzählung.

Das kann, wie auch Refn beweist, ganz eindrücklich sein. Aber für Aussenstehende und Ungläubige ist das vor allem langweilig.

Giallo

«Giallo» bezeichnet ein aus Italien stammendes Krimi-Genre, das vor allem in den 60ern und 70ern weit verbreitet war. Der Name verweist auf den gelben Einband italienischer Groschenromane. Typisch für die «Gialli» sind blutige und sexuell aufgeladene Morde, die meist spektakulär in Szene gesetzt werden.

SRF am Filmfestival Locarno

Im Radio:

SRF 2 Kultur und SRF 4 News sind während des Filmfestivals gemeinsam vor Ort: «Live aus Locarno» mit aktuellen Filmen und prominenten Gästen – vom 3. bis 11. August, Mo-Fr, um 11 Uhr live auf SRF 4 News und 12 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Im TV:

«Filmfestival Locarno 2017 - Das Spezial» am 9. August um 22.25 Uhr auf SRF 1.