«Brat Dejan» hinterlässt Beklemmung und ein Fragezeichen

Protokoll der Einsamkeit: «Brat Dejan» (Bruder Dejan) heisst der düstere Film von Bakur Bakuradze, der im Wettbewerb von Locarno läuft. Ein serbischer Ex-General versteckt sich darin vor seiner Vergangenheit – die Frage nach der Schuld wird dem Zuschauer überlassen.

Filmstill aus «Brat Dejan»

Bildlegende: Der Vergangenheit kann er nicht entfliehen: Marko Nikolic als Ex-General Dejan Stanić. Filmfestival Locarno

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Trailer zu «Brat Dejan»

3:33 min, vom 6.8.2015

Seit mehr als zehn Jahren lebt Dejan Stanić im Versteckten. Weil er während der Balkankriege General war, wird er vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gesucht – und von einem Teil der neuen serbischen Machthaber.

Der Film «Brat Dejan» ist ein Protokoll der Einsamkeit und des Misstrauens. Er stellt zwei unausgesprochene Fragen in den Raum, die immer lauter dröhnen: Was genau hat der Mann verbrochen? Ist sein einsames Versteckspiel nicht schlimmer als jede Gefängnisstrafe?

Aber davon weiss der Zuschauer zu Beginn des Films nichts. Auf der Leinwand ist lediglich durch einen Kamerasucher zu sehen, wie ein junger Mann eine Notiz um eine Pistole wickelt und dann wie von einem Herzinfarkt getroffen zu Boden fällt. Diese Szene wiederholt sich gegen Ende des Films mit dem alten Dejan. Nur dass diesmal feststeht, mit wem man es zu tun hat.

Die erste Frage wird im Verlauf des Films nicht beantwortet, und das ist stark, denn es beflügelt die Fantasie des Zuschauers. Und die Antwort auf die zweite Frage, die muss sich am Ende jeder selber geben.

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

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