70. Filmfestival Locarno «Crowdfunding führt zu radikaleren Filmen»

Immer mehr Filme werden via Crowdfunding finanziert. Dabei geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Aufmerksamkeit. Und darum, radikalere Filme realisieren zu können.

Porträt Mirko Bischofberger

Bildlegende: Er hat bereits zwei Filme via Crowdfunding finanziert: Mirko Bischofberger. SRF/Lukas Keller

  • Filme werden immer häufiger via Crowdfunding finanziert. Auf der Plattform «Wemakeit» kamen in den letzten fünf Jahren für Filmprojekte rund 2,5 Millionen Franken zusammen.
  • Eine Crowdfunding-Kampagne ist auch gute Werbung: Viele Leute engagieren sich für ein Projekt, potenzielle Zuschauer werden auf den Film aufmerksam.
  • Dank der Unabhängigkeit von öffentlichen Förderstellen lassen sich radikalere Ideen umsetzten, meint der Regisseur Mirko Bischofberger.

Mit Olivenöl einen Film finanzieren: Auf diese Idee kamen die Zürcher Filmemacher Mirko und Dario Bischofberger. Für ihr neues Projekt «Katrina’s Dream» haben sie auf der Schweizer Crowdfunding-Plattform «Wemakeit» Geld gesammelt.

«Wir haben ein Stück Land in Süditalien. Dort produzieren wir Olivenöl», erklärt Mirko Bischofberger. Das brachte sie auf eine Idee, die er «Oil for Film» nennt: «Wenn du unseren Film unterstützt, kriegst du unser Olivenöl.»

Geld für die Filmmusik

Auch eine Erwähnung im Abspann sei eine gute Motivation für Leute, Geld zu spenden: «Jeder sieht gerne seinen Namen im Film.» Um das nicht allzu nüchtern aussehen zu lassen, heisst es dann zum Beispiel «White Wine sponsored by …»

28'000 Franken kamen für «Katrina’s Dream» zusammen. Das ist etwa ein Drittel des mit einem kleinen Budget realisierten Films. Mit einem Teil des Geldes wollen Mirko und Dario Bischofberger ein Orchester bezahlen, das die Filmmusik einspielt.

Bereits für den experimentellen Science-Fiction-Film «Dog Men» (2015) hatten die Brüder via Crowdfunding knapp 12'000 Franken gesammelt.

2,5 Millionen Franken für Filmprojekte

Solche Teilfinanzierungen für Filme würden immer beliebter, sagt Rea Eggli von «Wemakeit» am Rande eines Crowdfunding-Podiums am Filmfestival in Locarno. Vor allem bei sogenannten Low-Budget-Filmen, die mit wenig Geld realisiert werden.

Seit dem Start von «Wemakeit» vor gut fünf Jahren sind auf der Plattform für 255 Filmprojekte rund 2,5 Millionen Franken zusammengekommen. Wobei in die Kategorie Film etwa auch die Anschaffung eines neuen Filmprojektors durch ein Kino fällt.

Es geht nicht nur ums Geld

Unter den 2,5 Millionen Franken seien viele kleine Beträge, die etwa Filmstudenten für ihre Abschlussarbeit benötigen. Die Beträge würden aber immer höher. Mittlerweile kämen bisweilen mehrere zehntausend Franken zusammen, sagt Rea Eggli: «Es werden auch qualitativ hochwertige und populäre Filme so finanziert.»

Sie nennt etwa den Dokumentarfilm «My Name Is Salt» von Farida Pacha oder den Spielfilm «Tempo Girl» von Dominik Locher. Beide Filme liefen an zahlreichen internationalen Festivals.

Trotzdem ist Crowdfunding nur ein kleiner Teil der gesamten Filmfinanzierung. Rea Eggli glaubt auch nicht, dass durch Crowdfunding mehr Low-Budget-Filme entstehen: «Sie sind einfach besser finanziert.» Und – fast genauso wichtig – «sie haben bereits die ersten Zuschauer aktiviert.»

Botschafter für Filme

Denn bei der Finanzierung von Filmen via Crowdfunding geht es nicht nur ums Geld. Während der Crowdfunding-Kampagne machen die Filmemacher bereits viel Werbung. Sie finden so nicht nur potenzielle Geldgeber, sie machen den Film auch schon bekannt, bevor er lanciert wird.

Ausserdem ist es eine Möglichkeit, Leute in das Projekt einzubinden. «Die Geldgeber sind eine Art Mikro-Produzenten und freuen sich, wenn ein Projekt zustande kommt», erklärt Rea Eggli. «Man gewinnt so eigentliche Botschafter für einen Film.» Denn die Beteiligten sind daran interessiert, dass «ihr» Projekt Erfolg hat und erzählen ihren Freunden davon.

Schwangere Frau steht vor Fenster

Bildlegende: Teilweise via Crowdfunding finanziert: «Katrina's Dream», der neue Film von Mirko und Dario Bischofberger. Clacson Productions

Ein radikaleres Kino

Das ist auch für Mirko Bischofberger ein wichtiger Grund, wieso er auf Crowdfunding setzt. Und er sieht noch einen anderen Vorteil, wenn zahlreiche Personen ein Projekt mit kleineren oder grösseren Beträgen unterstützen.

«Über Crowdfunding finanzierte Filme sind in der Schweiz die einzigen wirklich unabhängig produzierten Filme», sagt der Regisseur. Die meisten anderen Filme würden hierzulande nämlich von Bund und Kantonen finanziert. Das erfordert Kompromisse. Die Filme müssen die Anforderungen der Förderer erfüllen. Radikale Ideen blieben da oft auf der Strecke.

Nicht so bei Filmen mit kleinerem Budget, die via Crowdfunding finanziert würden. «Da hast du totale Freiheit», erklärt Mirko Bischofberger.

In acht von zehn Fällen führe das vielleicht zu absurden, abgefahrenen Filmen, die kaum geniessbar seien. «Aber ich glaube daran, dass in den nächsten Jahren ein, zwei Filme darunter sein werden, die eine Speerspitze für ein unkonventionelles Kino sein können.»

Crowdfunding

Auf Crowdfunding-Plattformen sammeln Leute Geld für Projekte. User spenden Beträge in beliebiger Höhe und erhalten dafür eine entsprechende Gegenleistung. Wird der anvisierte Betrag nicht erreicht, bekommen sie ihr Geld zurück. In der Schweiz sind wemakeit.ch und 100-days.net die bekanntesten Crowdfunding-Seiten.