70. Filmfestival Locarno Das Filmfestival Locarno hat 70 bewegte Jahre hinter sich

Tollkühne Visionen, Turbulenzen – und eine geklaute Idee: Rückblick auf 70 Jahre Filmfestival Locarno.

Unzählige Leute sitzen in einem Park auf Stühlen und blicken auf eine Leinwand, auf der sich ein Mann und eine Frau umarmen.

Bildlegende: Locarno 1946: Bei den abendlichen Vorführungen im Park des Grand Hotel Muralto fanden 2000 Personen Platz. Filmfestival Locarno

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Filmfestival Locarno fand am 26. August 1946 zum ersten Mal statt – allerdings nicht auf der Piazza Grande wie heute, sondern in einem Hotelpark.
  • Das Festival erlebte nebst erfolgreichen auch turbulente Zeiten – etwa während der politischen Wirren der 1960er-Jahren.
  • Heute zählt Locarno zu den Grossen unter den Filmfestivals – dank des heutigen Präsidents Marco Solari, der das Festival bewusst professionalisiert hat.

Eine gewisse Filmbegeisterung entstand im Locarne bereits in den 1930er-Jahren. 1939 wurde in Locarno ein Filmstudio gegründet, in dem Spiel- und Dokumentarfilme produziert wurden: «Eve» von Francis Borghi oder «Wenn der Kuckuck ruft» von Virgilio Gilardoni.

Vordenker aus Lugano

1944 kehrte eine Gruppe von Filmbegeisterten aus Lugano begeistert vom Filmfestival in Venedig zurück. Sie gründeten die Filmschau in Lugano. Aus den zu kleinen Kinosälen wollten sie ausweichen in ein Freiluftkino im Parco Ciani.

Die politische Opposition aber wollte das Geld lieber für Wohnhäuser ausgeben als für die feinen «Signori» vom Kino. So scheiterte das Filmfestival Lugano 1946 in einer Volksabstimmung.

Filme im Hotelpark

Luzern wollte das Festival übernehmen, auch Schaffhausen. Doch wenige Stunden nach der Volksabstimmung in Lugano übernahmen fünf Persönlichkeiten aus Locarno deren Idee: Sie schufen ein Freiluftkino im Park des Grand Hotel Muralto.

Es war der 26. August 1946: Die erste Ausgabe des Filmfestivals Locarno eröffnete mit dem Film «O Sole Mio».

Ein Jahr verspätet

Kurios begann die Geschichte des Festivals – und bewegt ging sie weiter: Die Festivalausgabe 1951 fiel aus. So kommt es, dass erst jetzt, im Jahr 2017, die 70. Ausgabe des Filmfestivals gefeiert werden kann.

Die Fünfziger- und Sechzigerjahre waren eine Blütezeit für das kommerzielle und das künstlerische europäische Kino, insbesondere für das italienische. Visconti, Fellini, Antonioni, schliesslich Bertolucci …

Aber der Aufstieg des Fernsehens und der Niedergang des europäischen Kunstkinos waren nicht aufzuhalten.

Pullover statt Abendrobe

Es folgten schwierige Jahre. Subventionen wurden gekürzt. Doch nicht nur das: Im August 1968 wurde der Aufstand in der Tschechoslowakei niedergeschlagen. Der daraus resultierende 1968er-Protest erreichte auch Locarno.

Es gab keine Freilichtaufführungen mehr im Grand Hotel – dort, wo Abendrobe obligatorisch war. Der Festivaltermin wurde in den Oktober verlegt, um weniger Touristen und mehr Studenten anzuziehen.

Nach ihrer Weigerung, Filme aus Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts zu beurteilen, trat die Jury zurück. Die NZZ empörte sich über junge Filmfreunde in Hemd und Pullover, die über Filmwirtschaft diskutieren wollten. Es kam zum Tumult, die Zuschauerzahlen sanken, die Krise war perfekt.

Grösste Leinwand Europas

Rund um den Architekten Livio Vacchini entstand dann 1970 die Idee, das Festival auf die Piazza Grande zu holen. Der Bau der Grossleinwand überstieg eigentlich die finanziellen Möglichkeiten Locarnos – kostete sie doch die astronomische Summe von 200'000 Franken.

Um für das nötige Dunkel zu sorgen, wurde im gesamten Stadtzentrum der Strom abgestellt. Die Betreiber von Bars forderten Schadenersatz. Aber die verrückte Idee der grössten Kinoleinwand Europas rettete das Festival.

Herzstück des Festivals

Im Park des Grand Hotels hatten 2000 Zuschauer Platz gefunden, auf der Piazza Grande dagegen 7000. Die Piazza Grande war schon bald das Herz des Festivals: Nicht nur vermittelte die Grossleinwand Filmgenuss. Das Gesamterlebnis auf der Piazza wurde zum Alleinstellungsmerkmal des Filmfestivals von Locarno – bis heute.

Ab Ende der 1970er-Jahre war das Festival zu gross, um einzugehen – und zu klein, um ohne massive Hilfe zu überleben. Seine Seele und sein «Padre Padrone» war der Druckereibesitzer Raimondo Rezzonico. Ohne diesen «Presidente», der sogar die Festivalsekretärin aus eigener Tasche bezahlte, ging gar nichts.

Künstlerisch erlebte das Festival turbulente Zeiten, erneut wurden Subventionen gestrichen.

Den Leoparden-Look geprägt

Schliesslich holte man zu Beginn der 1980er-Jahre David Streiff, den Leiter des Schweizerischen Filmzentrums, an Bord. Streiff begann das Festival konsequent auf den Autoren- und Nachwuchsfilm aus aller Welt auszurichten.

Er führte den Leoparden-Look als «Corporate Identity» ein und prägte das Festival über zehn Jahre hinweg ausgesprochen nachhaltig. Eben so sein Nachfolger Marco Müller.

Kampfansage für die Zukunft

Dann kam, nach neuen Turbulenzen, mit dem heutigen Präsident Marco Solari der grosse Sprung nach vorne. Er vervielfachte die Sponsoren und vergrösserte das Budget, führte ein professionelles Management ein, baute Locarno zum Festival der ersten Klasse aus. Mithin half die entschlossene Kampfansage, sich fortan mit den Grossen der Festivalwelt zu messen.

Im kompetitiven globalen Umfeld wollte Marco Solari das Festival «too big to fail» machen. Er suchte die feste Verankerung in der Privatwirtschaft, beim Kanton und beim Bund.

Er hat dieses Ziel mit Umsicht, Diplomatie und viel politischem Instinkt erreicht. Im steten Bewusstsein, dass nichts je bleibt, wie es ist.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 26.7.17, 9:02 Uhr

Sendehinweis

70 Jahre Locarno: Die Doku «Piazza Grande» lädt ein auf eine Reise durch die Geschichte des Festivals, zwischen Kino und Realität, Vergangenheit und Erinnerungen. Am 10.8. um 00:05 Uhr auf SRF 1 – und danach 7 Tage online.

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  • Film ab in Locarno

    Aus Tagesschau vom 2.8.2017

    Heute Abend wird auf der Piazza Grande in Locarno das Filmfestival eröffnet. Auch aus wirtschaftlicher Sicht ein wichtiger Anlass für die Region. Die Tessiner Regierung will die Wertschöpfung jetzt noch weiter ankurbeln.